28 Februar 2011

Und die Oscars gehen an …

>> Taboo von Kirdy Stevens (1980) als Bester Film des Jahres
Dieses komplexe Porträt einer amerikanischen Mittelklasse-Hausfrau findet in jeder Szene die richtige Balance zwischen psychologischer Tiefe und sinnlicher Leichtigkeit. Als moderne, reife Frau, die von ihrem Mann verlassen wird, glänzt Kay Parker in ihrer bisher besten Rolle und zeigt die ganze Bandbreite ihres darstellerischen Könnens. Kirdy Stevens ist es gelungen, auch den kleinsten Nebenrollen emotionales Gewicht zu verleihen und dabei niemals das zentrale Tabu des Films, die übergroße Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn, aus den Augen zu verlieren. Hier fickt jeder jeden, zugleich aber wird die hypnotische Geschichte eines unwiderstehlichen Begehrens zweier Menschen erzählt.


>> Marylin Chambers für die Beste weibliche Hauptrolle in Behind the Green Door von Artie und Jim Mitchell (1972)
Die Überraschung des gestrigen Abends, mit der kaum einer der anwesenden Kritiker gerechnet hat, war der Erfolg der kaum bekannten Marylin Chambers in ihrer ersten großen Rolle, die stärker favorisierten Ginger Lynn und Honey Wilder gingen leer aus. Chambers, die bis vor Kurzem noch als Model (Ivory Snow) gearbeitet hat, war bisher erst in kleinen Rollen zu sehen, etwa an der Seite von Barbra Streisand in Herbert Ross’ The Owl and the Pussycat (1970) und in Sean S. Cunninghams Together (1971). Hier wurde sie von Artie und Jim Mitchell für eine kleine Rolle in Behind the Green Door entdeckt. Mit ihrem unverbrauchten Girl-next-door-Image, ihrer physischen Präsenz und ihrem Mut, künstlerische Risiken einzugehen, empfahl sie sich aber schon bald für die Hauptrolle. Chambers nahm ihren Acadamy Award mit breitem Grinsen, riskantem Dekolleté und folgender Erklärung entgegen: „People say, ,Are you just acting?‘ Well, you can’t act when you’ve got a fist up your butt.“


>> Jamie Gillis für die Beste Männliche Hauptrolle in The Seduction of Lyn Carter von Wes Brown (1974)
Seine mittlerweile dritte Trophäe erhielt Hollywoods Enfant terrible Jamie Gillis für seine umstrittene Rolle als unkonventioneller Sexualpsychologe. In einer weiteren atemberaubenden Method-Acting-Tour-de-Force (zur Vorbereitung arbeitete er drei Monate undercover in einer Frauenklinik) führt Gillis den Zuschauer in die pathologischen Abgründe des modernen Beziehungslebens. Acadamy-Award-Juror Christian Keßler: „Jamie Gillis brilliert erneut in einer Rolle, die ihm sowohl abstoßende als auch anziehende Charakteristika abverlangt. Seine wunderbare Stimme spielt dabei eine Hauptrolle, und sie ist selten besser eingesetzt worden als hier. Als Beispiel mag die Szene im Restaurant gelten, bei der Jamie der noch unentschlossen-ängstlichen Lyn durch charmierendes Selbstbewußtsein Stück für Stück ihrer Reserve abluchst.“


>> Annie Sprinkle für die Spezialeffekte in Little Oral Annie #2
Nach den erstaunlichen 3-D-Effekten des ersten Teils hat das FX-Team um Annie Sprinkle im Sequel noch mal nachgelegt und präsentiert eine schier unglaubliche Fülle spektakulärer Szenen. Auch wenn die Story wieder einmal nicht überzeugen konnte, ließen sich die Mitglieder der Academy vom Erfindungsreichtum Sprinkles begeistern, die angeblich schon an einem dritten Teil arbeiten soll. Auf Gerüchte, dass einige Sequenzen nicht gefakt, sondern echt sein sollen, wollte Mrs. Sprinkle am Abend der Preisübergabe nicht eingehen.


>> John Holmes erhielt den Lifetime Achievement Award
Keiner hat so viele Männer und Frauen in aller Welt glücklich gemacht wie er. In über 1750 Werken hat er sein erstaunliches Können unter Beweis gestellt, nun hat der beste und verlässlichste Mime der alten Garde endlich die gebührende Anerkennung dafür erhalten. Die vergoldete Statue soll Insider-Informationen genau 33 Zentimeter groß sein.


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Alles weitere zu den diesjährigen Oscar-Preisträgern und -Verlierern erfährt man am Donnerstag, den 3. März, ab 20 Uhr im Lichtmess-Kino. Christian Keßler stellt sein neues Buch Die läufige Leinwand vor, präsentiert Filmausschnitte und philosophiert über Vergangenheit und Zukunft einer Branche, die unser dürftiges Leben mit Träumen füllt, über jene „verzauberte Feuchtsavanne, in der die geheimsten und verwundbarsten all unserer vielen Ichs in Sicherheit spielen können“ (Alan Moore).

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