15 November 2009

100 Mulholland Drive

Blogger-Software kann nicht lügen: Dies ist Post Nummer 100. The Wayward Cloud feiert sich selbst mit einer Rückkehr zu den Anfängen. Am 25.10.2002 erschien auf dem nur sehr kurzlebigen "FAQ-Blog" (Untertitel: "Versuch macht kluch …") folgender Text über die Parallelen von David Lynchs Mulholland Drive und Jean-Luc Godards Le mepris (zur größeren Ansicht bitte anklicken):




Als ich 2002 im Netz nach Verbindungen zwischen Mulholland Drive und Le mepris suchte, fand ich nichts. Mittlerweile sind Lynchs mehr oder weniger versteckte Hinweise auf viele andere Filme entschlüsselt worden, zum Beispiel auf der schönen Website Lost on Mulholland Drive.

Im Text genannte Links:
"No hay banda. A long strange trip down David Lynch’s Mulholland Drive" von Allen B. Ruch
Lynch’s 10 clues
Jonathan Rosenbaum über Le mepris

Für Texte, Unterstützung und Anregungen bedankt sich Wayward Cloud bei i-ming, Carmenito, docfish, Thomas Groh (Filmtagebuch), Christoph Hochhäusler (Parallel Film), Michael Baute (New Filmkritik), Ekkehard Knörer (Cargo), Henna Peschel, Dominik Graf, Rainer Knepperges, Matthias Müller und Ole Schnoor.


Ein ganz besonderer Gruß geht nach München zu Ulrich Mannes, der soeben die neueste Ausgabe ("Der sechzehnte Plan") des Glamour-Magazins SigiGötz Entertainment herausgebracht hat. Jenseits des großartigen Covergirls Annika Herr warten auf den Leser eine schnurrige Fantasie über das Altern, die der unnachahmliche Sepp Knarrengeier in eine Abenteuergeschichte gehüllt hat, ein Selbstporträt von SGE-Pate Clemens Klopfenstein, eine Verneigung vor Dominik Grafs Schläft ein Lied in allen Dingen und der ambitionierte Kanon des deutschen Genrefilms des 21. Jahrhunderts, zu dem auch The Wayward Cloud einen bescheidenen Beitrag geleistet hat.

Demnächst auf Wayward Cloud: das große Jubiläums-Filmquiz!

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David Lynch – Dark Splendor. Raum Bilder Klang. Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl vom 22.11.2009 bis 21.3.2010

07 November 2009

Irgendwas passiert immer

Notizen zum DOK Leipzig 2009

Es kann hilfreich sein, mit einem schlechten Film in ein Festival zu starten. Der fordert einen mehr heraus als ein gutes Werk, darüber nachzudenken: Was ist das eigentlich, ein guter Dokumentarfilm? Nachdem ich Das Rudel von Alexander Schimpke (Deutschland 2009) gesehen hatte, notierte ich mir: "Der größte Feind des Dokumentarischen ist nicht die Inszenierung, sondern Mangel an Distanz. Der Regisseur darf seinem Gegenstand und seinen Protagonisten nahe kommen, aber er muss eine Haltung zum Material entwickeln, die nicht identisch ist mit der der Protagonisten. Daraus ergibt sich eine Spannung, für die der Filmemacher eine Form finden muss. Ohne Distanz entstehen Propaganda- und Image-Filme."

Das Rudel

Das Rudel ist ein Imagefilm für die sich selbst Ultras nennenden Fans des Fußballvereins 1. FC Union Berlin, weil er dem Selbstbild der Protagonisten nichts entgegensetzt, sondern alle Aspekte des von ihnen behaupteten Gemeinschaftsbildes abbildet und verstärkt. Das Versprechen des Katalogs, dass der Film sich auf die Gesänge und Choreografien des Fanblocks konzentriert und den Zuschauer in die "Gänsehaut-Atmosphäre" des Stadions hineinversetzt, wird schnell enttäuscht. Schimpke traut sich nicht, konsequent auf Originaltöne und -bilder zu vertrauen und den Zuschauer daran teilhaben zu lassen, wie Gemeinschaft über Gesang und Rhythmik entsteht. Die Kamera verweilt nie lange genug, eine basslastige Emo-Mucke "bringt die Stimmung erst mal auf eine gewisse Höhe" (Schimpke im anschließenden Publikumsgespräch), Archivbilder, Szenen vor und nach dem Spiel und eine Off-Stimme wechseln permanent den Fokus, sodass sich nicht erkennen lässt, woran der Regisseur eigentlich interessiert ist.

Vermutung: Ich interessiere mich als Zuschauer nicht für Themen und Menschen, sondern für Haltungen zu ihnen.

Dabei finden sich im Material von Das Rudel genug Spuren, den man hätte folgen können. Die Entstehung der Gesänge und Choreografien, die die Bewegung der Ultras auszeichnet. Das Fehlen der Frauen. Das Verhältnis zur Gewalt. Der Übergang vom Einzelnen in die Fanblock-Masse. Stattdessen ist im Film alles Persönliche in eine "Wir"-Erzählerstimme aufgelöst worden, deren Text Schimpke aus Interviews mit verschiedenen Ultras destilliert hat. Es gibt im Film nichts, was seiner Hauptaussage widerspricht: Ultrasein ist ein elektrisierendes Gemeinschaftserlebnis, kreativ, kaum gewalttätig, ehrlich. Hinterher war ich kaum überrascht, als Schimpke erzählte, dass er alle Phasen des Films mit den Ultras abgesprochen hat. Sie hatten das letzte Wort, was reinsollte und was nicht. Nur den Titel hat er selbst bestimmt.

Interessant war Schimpkes Begründung für diese Aufgabe der gestalterischen Kontrolle: Der Film sollte den Ultras gehören und nicht dem bürgerlichen Milieu der Filmakademie Baden-Württemberg, über deren Abschottung vom "wirklichen Leben" Schimpke sich vehement beklagte. Er bekam viel Beifall vom vorwiegend jungen Publikum in Leipzig, es wäre sicher interessant, dieser Kritik am deutschen Lehrsystem einmal nachzugehen. Andererseits scheint mir die gefühlte Entfremdung vom Rohen, Authentischen, Direkten die bürgerlichste aller Gemütslagen zu sein. Und überhaupt keine Rechtfertigung dafür, die dokumentarische Form für eine falsche Direktheit aufzugeben. Den Widerspruch zwischen vermuteter Intensität des Lebens und distanzierter Beobachterposition aushalten zu können, ist die erste Tugend des Dokumentaristen. Sonst erhält man einen unfokussierten Imagefilm, der den Bildern, die sich die verschmähten bürgerlichen Medien vom Anderen machen, ähnlicher ist, als einem lieb ist: die Ultras als homogene männliche Masse, latent gewaltbereit, eine (Überraschung!) positive Meinung über sich selbst vertretend. Man kommt ihnen nicht näher, weder indem man einen von ihnen besser kennenlernt, noch indem der Film den Zuschauer durch Rhythmisierung, Intensivierung, Abstraktion (auch das eine künstlerische Haltung) hineinversetzt ins Stadion und ihn zwingt dort zu bleiben.

The Living Room of the Nation

Ein schönes Beispiel für einen genauen Blick auf das Individuelle bei gleichzeitiger Rhythmisierung des Materials ist Jukka Kärkkäinens Kansakunnan olohuone (The Living Room of the Nation, Finnland 2009). In starren Einstellungen, die an Bilder aus Roy-Andersson- oder Aki-Kaurismäki-Filmen erinnern, werden Einblicke in finnische Wohnzimmer gegeben. Die Protagonisten sind finnische Männer in verschiedenen Stadien der Verwahrlosung, denen der Film beim Sinnieren über Vergangenheit und Zukunft lauscht oder dabei zusieht, wie sie ihre massiven Körper aus diversen Sitz- und Liegemöbeln heraus- oder hineinwuchten. Am schönsten eine Szene mit einem werdenden Vater, der am Küchentisch über die Verantwortung sinniert, die er nun bald übernehmen muss, während im Hintergrund der Inhalt einer Pfanne, die er gerade auf den Herd gesetzt hat, in Flammen aufgeht und sich in Rauch verwandelt, der den Monolog des Mannes dramatisch einhüllt. Als dieser sich endlich umdreht, hat sich sein Essen verflüchtigt.

Noch einen Schritt weiter in Richtung Inszenierung der Protagonisten geht Peter Kerekes in Cooking History (Österreich/Slowakei/Tschechische Republik 2009), in dem er Militärköche porträtiert, die an einer Reihe bewaffneter Konflikte des 20. Jahrhunderts beteiligt waren. Kerekes scheut sich nicht, erzählte Szenen zu re-inszenieren, einen Koch lässt er noch einmal vor einem russischen Panzer in ein Maisfeld flüchten, einen anderen seine Abenteuer in einem untergegangenen U-Boot während einer Flut nacherzählen, die ihn und seine Kochplatte langsam davonschwimmen lässt. Das ist lustig, aber ab einem gewissen Punkt nicht mehr dokumentarisch, weil es sich zu weit vom Material entfernt. Oder vielmehr: Das Material ist immer so inszeniert, dass die beabsichtigte Pointe immer schon in ihm enthalten ist. Es gibt auch hier zu wenig Spannung zwischen den Protagonisten und dem Regisseur, der eindeutig die Hosen anhat.

Hinzu kommt bei Cooking History ein Problem, das auch Das Rudel hat: ein allzu manipulativer Einsatz von Musik. Bilder einer von einem Hubschrauber transportierten Feldküche unterlegt Kerekes zum Beispiel mit dem aus Apocalypse Now bekannten Walkürenritt, was einen Moment lustig ist, aber letztlich nichts weiter dokumentiert als die Sehnsucht des Regisseurs, dass das Publikum denselben Humor habe wie er selbst. In Fliegerkosmonauten (Deutschland/Polen 2009) von Marian Kiss, der die überlebenden Kosmonauten der kommunistischen Brüderstaaten porträtiert, die ab Ende der 70er Jahre die Arbeiterklasse im All vertreten sollten, wurde die Musik konsequent nach dem Land ausgewählt, in dem der Ex-Kosmonaut lebt: In der Mongolei wird’s mongolisch, in Kuba kubanisch. In solchen Fällen schließe ich seltsamerweise immer die Augen, wie auch bei Bildern, die ich als dumm oder redundant empfinde. Wie um sich selbst und dem Film zu beweisen, dass beim Öffnen der Auge alles bei Alten und der Film keinen Schritt vorangekommen ist. Synästhesie der Abneigung.

Träume der Lausitz

Mich beeindruckt es immer, wenn es einem Regisseur gelingt, die Tonspur mit den Geräuschen, Stimmen, Klängen zu füllen, die im Material selbst enthalten sind. Wie Bernhard Sallmann in seinem schönen Träume der Lausitz (Deutschland 2009) zum Beispiel, der in der Nachfolge Peter Rochas diese vom Braunkohle-Tagebau zerfressene und langsam wieder genesende Landschaft porträtiert. Der Gesang eines Chores, Schuberts Forellenqunitett, das einer der Protagonisten hört, das Schlagen einer Glocke und immer wieder der Wind, der über die karge Landschaft und durch die verloren in ihr stehenden Bauwerke der Internationalen Bau-Ausstellung hindurchpfeift, bilden den Soundtrack den Films. Auch sonst zeigt sich Sallmann in diesem Film als guter Schüler Volker Koepps, als geduldiger Beobachter von Landschaften und ihrer Bewohner, dem es im konkreten Blick auf die Gegenwart gelingt, Vergangenes und Zukünftiges zu vermitteln. In schöner Ausgewogenheit wechseln sich die klaren Landschaftsaufnahmen des Kameramannes Börres Weiffenbach mit Szenen ab, in denen die Protagonisten über die Lausitz sprechen: die Rückkehr der Wölfe, Fürst-Pücklers Gärten, entleerte Dörfer, das Arrangieren von Findlingen und, vielleicht ein bisschen zu oft, die Bedeutung der IBA.

Das Scheitern eines Filmes lässt sich leichter beschreiben als sein Gelingen. Gelingen ist immer ein kleines Wunder, für das einem erst mal die Worte fehlen. Volker Koepps Berlin – Stettin (Deutschland 2009), in dem er viele Landstriche und Protagonisten aus seinem Werk ein weiteres Mal aufsucht, zeigt, dass dieses wundersame Gelingen etwas mit Ausgewogenheit zu tun hat: Zwischen der Gegenwart der Gesichter und Gegenden und der Vergangenheit des Erzählten. Zwischen Material und Form. Zwischen dem Konkreten der persönlichen Erfahrung und einer Spur, vielleicht einer These, die sich aus den vielen Geschichten herausschält. Zwischen Sprechen und Schauen. Zwischen Suchen und Finden. Koepp erzählte nach dem Film, dass er die Exposees zu seinen Filmen, die er für die finanzierenden Fernsehanstalten so schreiben muss, als ob er schon genau wüsste, worum es geht, anschließend gar nicht mehr anschaut. Lieber stellt er sich mit seinem Team an eine Kreuzung und wartet, das etwas passiert. "Und irgendwas passiert immer." Oft sogar, so Koepp, genau das, was man sich im Exposee erträumt hatte.

Ein Beispiel großer Ausgewogenheit ist auch Les arrivants (The Arrivals, Frankreich 2009) von Claudine Bories und Patrice Chagnard, der diesjährige Gewinner der Goldenen Taube für den besten internationalen Langfilm. Die Filmemacher porträtieren die Institution der CAFDA, einer Anlaufstelle für Asylsuchende in Paris, indem sie sehr genau verfolgen, wie sich die Gespräche zwischen Behördenangestellten und Asylsuchenden gestalten. Wie schnell offenbar wird, geht es in diesen Gesprächen darum, das Ungeheure der persönlichen Erfahrung (Vergewaltigung, Folter, Verfolgung – schon diese Aufzählung ist eine kaum zu ertragende Abstraktion) in ein dokumentierbares, justiziables Behörden-Französisch zu übertragen. Eine große Rolle kommt dabei den Übersetzern zu, die in persona oder über eine Hotline versuchen, die sprachlichen und kulturellen Missverständnisse im Rahmen zu halten. Der Film schafft es, die Komplexität dieses Vorgangs abzubilden, ohne sich auf eine Seite zu schlagen. Die abgrundtiefe Erschöpfung der Asylsuchenden wird ebenso sichtbar wie die konstante Überforderung der CAFDA-Angestellten, die permanent Hilfsbereitschaft simulieren müssen, obwohl ihr Budget stark begrenzt ist und ihr eigentlicher Auftrag darin besteht, ihr Gegenüber eines Verstoßes gegen das Schengen-Abkommen oder sonstiger Gesetze zu überführen, was zur Ablehnung führt. Dieser Performance wohlwollender Staatsmacht korrespondiert die zunehmende Gewitztheit der Asylsuchenden, die, nachdem sie aus ihrer Anfangslethargie erwacht sind, sich im Laufe der Gespräche auf die ihnen zugewiesene Rolle einpendeln und erzählen, was sie meinen, das ihr Gegenüber hören will.

"Irgendwann hat mich die Sonne verlassen.
Aber irgendwann leuchtete mir der Mond."
Ito – Diary of an Urban Priest


Auch eine schöne Festival-Erfahrung: Jede Regel, die man aufgrund eines schlechten Films meint, für das Genre insgesamt aufstellen zu können, wird oft durch einen guten Film wieder über den Haufen geworfen. Pirjo Honkasalos Seitti – kilvoittelijan päiväkirja (Ito – Diary of an Urban Priest, Finnland, Japan 2009) zum Beispiel, das Porträt eines japanischen Exboxers, der nach einer Verletzung in eine tiefe Sinnkrise gerät, sich zu einem buddhistischen Priester ausbilden lässt und eine Bar eröffnet, ist mit viel Musik unterlegt, die die dunkle, konzentrierte, spirituelle Stimmung des Films angenehm akzentuiert. An keiner Stelle habe ich die Augen geschlossen. Ito spielt ausschließlich in der Nacht, in der die Lichter der Stadt so geheimnisvoll funkeln wie in lange keinem Film mehr. Tokio Noir. Honkasalo hat eine kongeniale Ästhetik für die aus dem Leid des Priesters gewonnene Erkenntnis gefunden, dass sich die Schönheit des Paradieses dem Menschen nicht im Himmel offenbart, sondern in der Dunkelheit der Hölle. Der Tod und das Leiden sind zentrale Themen dieses wunderbar ernsten Films, alle Gespräche, die der Priester führt, kreisen darum. Erstaunliche, lange Dialoge, alle Figuren scheinen auf der Suche nach einer tieferen Erkenntnis ihrer selbst, sind dabei aber ganz undogmatisch, dem Leben nicht im geringsten entrückt.

Disorder

Zum Schluss noch ein tolles Doppelprogramm: Petropolis (Kanada 2009) von Peter Mettler und Xianshi shi guoqu de weilai (Disorder, China 2009) von Weikai Huang. Auf der einen Seite der Blick von oben, auf das Gebiet der Alberta Tar Sands, das zweitgrößte Erdölvorkommen der Welt. Weil Mettler keine Drehgenehmigung auf dem Gelände selbst erhielt, stieg er mit einem Hubschrauber in die Luft und filmte die zerfressene Landschaft von oben. So ökologisch wertvoll das Anliegen, so begrenzt ist die gewählte Perspektive, die noch das dreckigste Chaos in Schönheit und Muster verwandelt. Dann doch lieber der Scheißhausfliegen-Kaleidoskopblick von Disorder, den Huang aus Material zusammengestellt hat, das verschiedene Kameramänner in chinesischen Städten eher zufällig als geplant filmten: entlaufene Schweine auf der Autobahn, Unfallopfer, ein ausgesetztes Baby, ein Krokodil, Überschwemmungen, Dreck, ein Mann, der in der Kloake fischt, ein Verrückter, Lärm, ein einzige sich langsam steigernde Kakophonie der Großstadt, ein Reigen dreckiger Bilder und Töne. Manchmal schwenkt die Kamera in den Himmel und erfasst einen Zeppelin. Von da oben sieht das alles bestimmt ganz hübsch aus.

25 Oktober 2009

Ohivi! Ohivi! Leipopo Stonnett!

Das Unheil kommt aus der Höhe oder der Tiefe. Es ist kein Teil der Stadt, aber immer schon da, in der Luft, unter der Erde. Wie zu Beginn von Psycho schwenkt die Kamera über eine Skyline. Tokio statt Phoenix. Der Zoom beginnt diesmal nicht bei einem Fenster, sondern bei einem Gullideckel. Ein Rabe krächzt, der Deckel wird zur Seite geschoben, eine Hand erscheint …


Der da zum Vorschein kommt im grünen Koboldkostüm, das rechte Auge milchig, die Nägel zu Krallen verwachsen, der Bart rot und lang wie Catweazles, eiert kurze Zeit später in einer der schönsten Filmsequenzen der letzten Jahre eine Straße des Tokioter Geschäftsdistrikts Ginza entlang, rempelt Passanten an, entreißt einem Mann die Krücke und einem anderen die Zigarette, die er kurz darauf in einen Kinderwagen schmeißt, er frisst Blumen und Fotos und leckt einem Schulmädchen die Achsel ab und verschwindet ebenso plötzlich, wie er erschien, wieder in der Kanalisation. Wenige Tage später wird er zurückkehren mit einer Tasche voller Handgranaten, die er dort unten gefunden hat, neben einer imperialen Fahne und der Aufschrift "Unsere Helden von Nanking 1937". Wer ist dieser humpelnde Gnom, der Tokio in Angst und Schrecken versetzt?

Leos Carax' Merde, das mittlere Segment des Omnibus-Films Tokyo!, gibt darauf keine endgültige Antwort. Er ist ein 30-minütiger, sehr konzentrierter und witziger Schnellkurs zur filmischen Konstruktion eines Monsters, über das man Folgendes lernen kann:

1. Es ist immer ein hybrides Wesen, zusammengesetzt aus nicht immer passenden Teilen. Carax’ Merde (den definitiv nur einer so spielen kann: Denis Lavant) ist ein Meta-Monster, in dem sich Anspielungen auf viele Film-Ungestalten verdichten. Godzillas Schrei ist mehrmals im Film zu hören, Merdes erster Gang durch Tokio ist mit der original Godzilla-Musik von Ifukube Akira unterlegt. Das Mädchen, dem Merde die Achsel ableckt, bewegt sich wie Fay Wray bei der ersten Annäherung von King Kong. Die Kanalisation erinnert an das Phantom der Oper, das Rabenkrächzen an Poe und Hitchcocks Birds. Ein etwas ratloser Jonathan Rosenbaum nennt Jean Renoirs Jekyll-und-Hyde-Verfilmung Le testament du docteur Cordelier als naheliegendste Inspiration, Merdes späterer Hinweis auf seinen Gott, der Spiegel verbietet, lässt an Dracula denken.

2. Das Monster kommt von außen und von innen, es ist ganz souverän in seiner Andersartigkeit und doch in diesem Anderssein komplett auf die Menschen bezogen, denen es ein Monster ist (mehr dazu hier). Carax macht sich einen großen Spaß daraus, Merde als gänzlich unjapanisch und zugleich als Verkörperung des von Japan Verdrängten darzustellen. So verweisen nicht nur die Handgranaten der kaiserlichen Armee, mit denen Merde ein Blutbad anrichtet, auf Japans Vergangenheit, sondern auch Merdes Lieblingsspeise, "ichimonji"-Chrysanthemen, ein Insignium der kaiserlichen Macht. Auf dem Rücken trägt Merde als Tattoo ein schwarzes Quadrat, wie ein Yakuza mit einem Hang zu abstrakter Kunst. Selbst Merdes eigentümliche Sprache, das Merdogon, das außer ihm nur vier Menschen auf der Welt beherrschen, klingt mit seinen rapide wechselnden Tonhöhen und der gebellten Intonation manchmal wie ein hitziger Wortwechsel in einem Gangster-Film von Kinji Fukasaku.


Dass das Verhältnis des Monsters zu den Menschen kein dialektisches, auf ein höheres Ziel gerichtetes ist, sondern ein rein antagonistisches, wird an Merdes Äußerungen während der Gerichtsverhandlung deutlich, die sein Anwalt Maitre Volant (Jean-Francois Balmer) aus dem Merdogon übersetzt: "I don’t like innocent people. I don’t like people (...) And among all people the Japanese are really the most disgusting. (...) They live way too long and their eyes are shaped like a woman’s sex." Das ist allerreinste Hasspoesie der unversöhnlichsten Art, vollkommen willkürlich im Herausgreifen bestimmter körperlicher Aspekte, die als abnorm denunziert werden. Aus dem Munde des Monsters, das sich in erster Linie durch eine Reihe körperlicher Idiosynkrasien und Ticks manifestiert, hat diese Schmähung jedoch auch etwas sehr Komisches, kommt sie der Verdammung des Monsters durch die Mehrheit doch einfach zuvor. Auf den (wunderbar ambivalenten) Hinweis des Staatsanwalts, dass rassistische Fremde in Japan nicht gern gesehen sind, und seine Frage, warum Merde ausgerechnet nach Japan gekommen sei, antwortet dieser: "My god always places me among the people I hate the most. It’s the cross I have to bear." Selbst in diesem Auserwältheitsgedanken, dem Glaube an die Bestimmung und ihre blutigen Folgen, ist Merde ganz antijapanisch und japanisch zugleich, schließlich hat dieser Glaube auf der Pazifikinsel eine lange Tradition.

3. Das Monster ist Körper. Und zwar in extremis, soll heißen, der Körper des Monsters ist immer kurz davor, aus dem Leim zu gehen, er ist permanent im Vergehen, zugleich aber auch im Werden begriffen. Er ist entweder zu groß für die Welt, wie die Leiber von King Kong und Godzilla, er ist zusammengesetzt aus Disparatem, wie Frankenstein und Herbert Wests Kreaturen aus der Re-Animator-Trilogie, oder ist ständig von schmerzhaften Transformationen bedroht, wie die Körper von Jekyll/Hyde und all den Werwölfen, an denen sich die FX-Spezialisten immer schon am liebsten ausgetobt haben. Merde selbst, dem Denis Lavant mit seinem ausgemergelt-muskulösen Körper eine extreme Physis verleiht, ist eine Ansammlung körperlicher Manierismen: der seltsam ausholende Gang, der starre Blick nach oben, das Fressen von Blumen, die jaulende Sprache, die runzlige Visage, die Klauen, der immer irgendwie verdrehte Leib.

4. Das Monster ist mächtig und mitleiderregend zugleich. Mitleiderregend, weil es immer allein ist, weil es keine Masse, Rasse, Klasse, Nation oder Religion hinter sich hat, die seine Monstrosität in eine "Menschlichkeit" hüllt, unter deren Deckmantel es den Finger heben, ihn auf jemand anderes richten und sagen könnte: "Monster". Mächtig, weil es keine Masse, Rasse, Klasse, Nation oder Religion hat, die es einschränkt und begrenzt, es ist offen für alle Bedeutungen, sodass, auch das zeigt Merde sehr schön, es schnell zum Gegenstand aller Ängste und Sehnsüchte der Menschen wird. In einem Al-Quaida-Trainingscamp wird es dann gesichtet, der Papst sieht den Teufel, Spielzeughersteller werfen grüne Figuren auf den Markt, die Jugend trägt T-Shirts: Free Merde! Fuck Japan!

Hier kann man sich selbst schon mal einüben in der neuen Merde-Religion:



Letzte Worte: "The sky has grown old." Coming soon: Merde in USA.

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Am Mittwoch, den 4. November, läuft Tokyo! (Regie: Michel Gondry, Leos Carax, Bong Joon-ho) im Rahmen des Radar International Film Festivals Hamburg um 20 Uhr in der Kleinen Freiheit 42

15 Oktober 2009

Filmweisheit in Brühwürfeln

Don’t Look Now (Wenn die Gondeln Trauer tragen): Nicolas Roeg verbindet englischen Pragmatismus, Schauerromantik, William Blakesche Mystik und seine eigene gelassene Grandezza mit dem Wahnsinn der italienischen Horror-Giallos. Ein unsagbar schöner, kluger Film. Auf der Optimum-DVD findet sich ein begleitender Audiodialog mit Roeg, der seinesgleichen sucht. Meistens Schweigen, und wenn er was sagt, dann ist es ewige Filmweisheit in Brühwürfelform. Auf die Feststellung des Interviewers, dass bei seinen Filmen ständig etwas Unerwartetes passiert, antwortet er lächelnd (man hört sein Lächeln im Ton): "Auch das Unerwartete darf nicht erwartet werden." (Optimum DVD England und dt. in der SZ-Edition) (aus: Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen Dingen, hrsg. von Michael Althen, Alexander Verlag 2009)
Eigentlich bin ich ganz froh, dass Dominik Graf nicht bloggt. Dann würde ich seine schönen, immer wieder unerwarteten Filmtexte zu sehr erwarten und wäre nicht mehr so überrascht, wenn ich im Internet wieder einen davon entdecke. Graf ist, so schreibt es Michael Althen in seinem Vorwort, ein Regisseur, der manchmal von dem "Kick zu schreiben" gepackt wird, jener Lust, sein Vergnügen an Filmen in Worte zu fassen und in diesen sein eigenes Filmemachen zu reflektieren, die seit der Nouvelle Vague stark aus der Mode gekommen ist. Eine Auswahl dieser Texte, von denen die meisten als DVD-Kritiken für die FAZ entstanden sind, hat der Herausgeber Michael Althen nun in Schläft ein Lied in allen Dingen versammelt.

Darin lässt sich die Geschichte eines Kinos nachlesen, von dem Graf in seinen eigenen Filmen träumt. In ihnen, so Althen, "hat er sich einen Horizont erschrieben, vor dem er seine eigenen Arbeiten verstanden wissen will". Seine TV-Produktionen hat Graf im Interview mal als "Trojanische Pferde" bezeichnet. Damit meinte er, dass seine Melodramen und Polizeifilme, die meist zur besten Sendezeit laufen, sich äußerlich an die im deutschen Fernsehen übliche Form anpassen, aber Dinge enthalten, die diese zugleich erweitern, unterwandern, aufbrechen. Kameraperspektiven, Zooms, Dialoge, Figurenkonstellationen, Schnitte, die den Rahmen sprengen, neue Räume öffnen, Abgründe auftun, Damiani, Fulci, Aldrich, Fuller zitieren. Die Kino sind.
"Ohne eine gewisse Vulgarität gibt es keinen ganzen Menschen. Das Gekünstelte und Verfeinerte ist immer ein Rückzug. Ein Zurückschrecken." (Raymond Chandler, Die simple Kunst des Mordes, 1949, zitiert von Dominik Graf)
Alle Regisseure haben Vorbilder, selten aber können sie über diese auch so gut schreiben wie Dominik Graf – und so leidenschaftlich. Ob Fassbinder, Mike Figgis’ Echtzeit-Experiment Timecode oder die Mafia-Filme von Damiano Damiani, immer bekommt man als Leser sofort Lust, die von Graf emphatisch und mit praktischem Insiderwissen beschriebenen Werke zu sehen, um seine vielen präzisen Beobachtungen nachvollziehen zu können. Das gilt vor allem für die von der Kinogeschichte übergangenen Filme, die Graf gegen Kanon und guten Geschmack verteidigt. Ein wichtiger Begriff ist ihm dabei das "Unsaubere", das nicht in eine einheitliche Form gebrachte, das Kino der Brüche und Geschmacklosigkeiten. Graf findet es in den Montage-Exzessen von Nicolas Roeg, in den unmotivierten Gewalt-Szenen eines Lucio Fulci, in der kühlen Präzision und im emotionalen Reichtum Max Ophüls’ und der erzählerischen Ökonomie und Härte von Robert Aldrich.

Eine besondere Vorliebe hat Graf für Regisseure wie George Roy Hill, Arthur Penn, Robert Aldrich und Sydney Pollack, die der New-Hollywood-Generation von Coppola und Scorsese den Weg bereitet haben, deren eigene Filme aber fast vergessen sind. Das waren Filmemacher alter Schule, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hatten, meistens beim Fernsehen, und die aus dem System heraus begannen, mit neuen Erzählformen zu experimentieren. Damit wurden sie zu großen Vorbildern für Graf und seine Suche nach dem Experimentierwillen und dem Mut, als hervorragender Handwerker auch einmal gewollt unsauber zu arbeiten.

Ein bisschen zu oft und zu gleichlautend wird vielleicht am Ende der Texte auf die Eintönigkeit des zeitgenössischen Kinos, vor allem des deutschen, geschimpft. Das ist erstens der Tatsache geschuldet, dass die Texte für die Zeitung enstanden sind und nicht dafür geschrieben wurden, hintereinander weg gelesen zu werden. Und zweitens hat Graf natürlich ganz Recht, wenn er immer wieder das völlige Fehlen eines schmutzigen und zugleich intelligenten Genrekinos in Deutschland beklagt.

Dominik Graf im Internet:

"Eine Groteske der Spät-RAF"
Über Fassbinders Die dritte Generation (FAZ, 17.9.2008)

"Dominik Grafs Dreckiges Dutzend"
12 deutsche Lieblingsfilme (23.5.2008)

"Gesang der Sirenen"
Vor der Verleihung des Deutschen Filmpreises: Warum das deutsche Kino ausgerechnet in seinen falschesten Momenten am wahrsten ist (Zeit, 25.4.2008)

"In den rauchenden Trümmern des Kinos"
Über Nicolas Roegs Eureka (FAZ, 16.4.2008)

"Wo die großen Flüsse entspringen"
Über zwei Filme von Alain Tanner (FAZ, 20.2.2008)

"Auf dem Friedhof der vergessenen Filme"
Über George Roy Hills Die Libelle (FAZ, 6.2.2008)

"Der Mann, der aus der Kälte kam"
Über Peter Lohmeyer (FAZ, 13.12.2007)

"Der Himmel kennt keine Günstlinge"
Zwei Remarque-Verfilmungen: Sydney Pollacks Bobby Deerfield und Lewis Milestones Arc de Triomphe (FAZ, 14.11.2007)

"Lernt schlechte Filme!"
Über Aldrich, Peckinpah und Fullers Tatort-Folge Tote Taube in der Beethovenstraße (Zeit, 8.11.2007)

"In den Scherben eines halbblinden Spiegels"
Nicolas Roeg und eine Wiederbegegnung mit seinem Meisterwerk Don’t Look Now (FAZ, 16.10.2007)

"Magma des Schreckens" oder kurze Bemerkung über das Töten
(PDF-Dokument, Text erschienen in Daniel Sponsel, Hg., Der schöne Schein des Wirklichen, UVK 2007)

"Blood All Over"
Über Wolfgang Bülds Twisted Sisters (engl., FAZ 4.4.2006)

"Film im Kopf"
Dominik Graf und andere deutsche Regisseure über den Film, den sie immer schon mal machen wollten (Zeit, 10.2.2005)

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Vom 31. Oktober bis 1. November 2009 findet in Schwerte die Tagung Im Angesicht des Verbrechens– Der Krimi im Fernsehen. Wirkung, Form und Abgesang statt. Mit von der Partie sind Dominik Graf, Friedrich Ani und Ekkehard Knörer, die am Abend des 31. nach einer Vorführung von Grafs Kommissar Süden und der Luftgitarrist diskutieren werden. Am nächsten Morgen moderiert der Krimi-Experte Tobias Gohlis eine Gesprächsrunde mit Friedrich Ani und Dominik Graf. Der Titel der Tagung lässt vermuten, dass es dann auch um Grafs neuestes Fernsehprojekt gehen wird, den sehnsüchtig erwarteten Achtteiler Im Angesicht des Verbrechens, dessen Fertigstellung und Ausstrahlung wegen Finanzierungsschwierigkeiten auf 2010 geschoben wurde.

09 Oktober 2009

Gegen den Tag

Den neuen Film von Christoph Girardet und Matthias Müller, der im Rahmen der Ausstellung Veto in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt wird, betritt man auf eigene Gefahr. Wer zu epileptischen Anfängen neigt, so steht es auf einer Plakette am Eingang zu der Black Box, solle aufgrund des mit hoher Frequenz pulsierenden Lichtes Contre-Jour (2009) lieber fern bleiben. Ich betrete den Raum voller Vorfreude, aber auch mit gesenkten Lidern, ein bisschen so wie man die erste steile Steigung einer Achterbahn hinauffährt. Das ist es doch, worauf man im Kino immer auch ein wenig hofft, dass das Geschehen von der Leinwand herab einen nicht nur anrührt, sondern direkt angreift, wie ein Gimmick von William Castle oder wie in dem Pornokino in Kentucky Fried Chicken, in dem Angestellte hinter den Zuschauern stehen und diese begleitend zu den Bildern befummeln. Intercourse statt Immersion. Aber es geht vielleicht auch ohne Mitarbeiter vor der Leinwand. Der Film selbst gewinnt körperliche Macht über den Zuschauer. So wie James Incandenzas Infinite Jest-Film, der so unterhaltsam ist, dass er jedes andere körperliche Bedürfnis ausschaltet. So wie das Endlos-Loop, das Alex (der in Contre-Jour kurz zu sehen ist) im Rahmen der Ludovico-Behandlung in A Clockwork Orange die gewalttätigen Triebe austreiben soll. So wie Contre-Jour selbst, den ich mir auch ansah, um herauszufinden, ob ich Neigungen zu epileptischen Anfällen habe.

"It’s always night, or we wouldn't need light." (Thelonious Monk)

Contre-Jour erinnerte mich an den Titel von Thomas Pynchons vorletztem Roman, dem das Zitat von Thelonius Monk vorangestellt ist und in dem es auch sonst viel um das Licht geht. Auf dem Against the Day Wiki erhält man zu den möglichen Quellen des Titels auch einen Hinweis auf den französischen Ausdruck "Contre-Jour", der ein fotografisches Verfahren bezeichnet, bei dem gegen das Licht aufgenommen wird, sodass die sich zwischen Kamera und Lichtquelle befindlichen Objekte als Silhouetten erscheinen. Contre-Jour ist eine Lichtstudie, ein Screen-Test überforderter, sich zusammenziehender, getrüber, aufgerissener, mit Tropfen gefüllter Pupillen, zu der dank des immer wieder die Dunkelheit durchbrechenden Frontallichtes auch schnell die des Zuschauers gehören. Eine radikale kleine Lektion über das Licht, das die Dinge durch Kontraste, durch Intensitäts- und Perspektivwechsel aus der Dunkelheit erst herausformt, sie zugleich aber in einem Überschuss verschwinden lassen kann in aus Blendung resultierender Blindheit. Erleuchtung und epileptischer Anfall liegen nahe beieinander, was kann man von ein Film mehr erwarten.

Der schwarze Kubus, in dem Contre-Jour als Video-Loop dauerprojiziert wird, befindet sich genau am Scheitelpunkt der Ausstellung. Er unterbricht den durch die hell ausgeleuchteten Deichtorhallen führenden Rundgang des Besuchers mit seiner Licht absorbierenden Schwärze, mit bewegten Bildern inmitten all der Fotografien und mit der schönen Möglichkeit, sich hinzusetzen und auszuruhen im Dunklen, wenn die beiden vorhandenen Hocker nicht gerade besetzt sind. Diese Kontrastierung des Dunklen mit dem Hellen, des Bewegten mit dem Unbewegten, des Passiven mit dem Aktiven schuf für mich einen schönen und plausiblen Kontrapunkt innerhalb der Ausstellung, der auch im Film selbst sich wiederfindet.

Der Übergang vom Ausstellungs- zum Projektionsraum ist für mich immer wie eine Rettung in eine Höhle der Geborgenheit, in der man sicher ist vor den Blicken der gelangweilten Museumswächter. Wie ein Reisender früherer Tage, der sich bei einem Zwischenstopp an einem Bahnhof für ein paar Stunden in ein Kino flüchtet, freut sich man an diesen Bildern ohne Anfang und ohne Ende, durch die man wieder ein wenig zu sich bekommt und zugleich ein wenig verliert. Zugleich ist so eine Black Box, auch darin einem Bahnhofskino ähnlich, ein Ort der körperlichen Annäherung, jederzeit kann sich jemand auf dem Schemel neben einem niederlassen, jemand, von dem man im Dunklen nur die Silhouette sieht. In Rotterdam hat sich mal Tsai Ming-liang neben mich gesetzt und wir haben gemeinsam zehn Minuten von Wang Bings 840-Minuten-Dokumentation Crude Oil gesehen. Ein Freund, mit dem ich mir gestern gemeinsam die Filme von Girardet/Müller angesehen habe, hatte das große Glück, beim Underdox-Festival in München just das Ende und den Anfang dieses Films zu erwischen, eine zehnminütige Einstellung vom Mond und die morgendliche Ankunft der Bohr-Arbeiter in einem Umkleideraum. Hinterher erzählte er mir von der schönen Idee, diesen Film im Dauerloop an seine Wohnzimmerwand zu projizieren, nicht um ihn wie ein Gemälde zu beschauen, sondern um mit ihm zu leben.

Nachdem ich mir in den Deichtorhallen die Videoprojektion eines 35mm-Films angesehen hatte, sah ich hinterher im Metropolis als Erstes sechs für eine Ausstellung als Loops konzipierte Videos auf die große Leinwand projiziert. Es handelte sich um die Phoenix Tapes (1999), in denen Girardet/Müller Material aus 40 Hitchcock-Filmen zu fünf Motiv-Blöcken verdichtet hatten. Der sechste Film bestand aus einer extrem verlangsamten Einstellung von Ingrid Bergman aus Under Capricorn, in der ihre Augen so traumverloren leuchten und eine Träne so hypnotisch die Wange hinab- und wieder hinaufläuft, wie das nur die Lichtsetzung eines Jack Cardiff in dieser Plastizität gestalten konnte.

Wie Christoph Girardet vorab erklärte, waren die Hitchcock-Filme 1998/99, als Girardet/Müller an den Phoenix Tapes arbeiteten, noch kaum in guter Videoqualität zugänglich, gute Abtastungen für DVDs waren rar, und diese mangelnde Qualität sieht man den auf Leinwandgröße aufgeblasenen Bildern Gott sei Dank auch an. Es ist immer wieder spannend, wenn Filme ihr angestammtes Reservat verlassen und einfach mal irgendwo anders hin- oder draufgestrahlt werden, einiges geht dann vielleicht verloren, anderes wird sichtbar. Bei den in ihrer Ikonizität sowieso extrem wirksamen Hitchcock-Einstellungen, die durch die Montage und Reihung ähnlicher Momente noch einmal verstärkt wird, fand ich die Unschärfe und Körnigkeit des Materials ganz passend, die die Sequenzen einerseits Traumbildern ähnlich werden lässt, zu denen sie längst geworden sind, gleichzeitig ihnen aber eine gewisse Eigenheit und Unsauberkeit verleiht, die sie einem auch wieder ein Stück weit fremd werden lassen.

Aus Beacon ist mir noch ein schöner Satz von Mike Hoolboom in Erinnerung: Now we only dream of places. Was heißen soll: In den Filmen von Girardet und Müller gibt es nur noch Schauplätze, aber nichts mehr, was auf ihnen stattfindet. Ihre Werke leben vom Erinnern alter Filme, deren Emotionen und Tragödien in unserem kollektiven Gedächtnis nachklingen, und der Erwartung neuer Dramen, die immer erst dann beginnen, wenn wir den Raum wieder verlassen haben. Vor Mirror, der genauso schön war, wie ich ihn in Erinnerung hatte, lasen Girardet und Müller ein Zitat von Antonioni vor, das ungefähr so ging: Die Räume, die Luft und das Licht, in denen sich Tragödien abspielen, sind oft viel spannender und schöner anzuschauen als diese selbst.

Dass die Arbeit mit Found Footage mittlerweile zu einer schönen Volkskunst geworden ist, kann man an den vielen mit neu montiertem Material gedrehten Filmen bei YouTube sehen. Mir scheint, dass die Praxis, Lieblingssongs neu zu bebildern, dank der Entfernung vieler Original-Videoclips auf YouTube sogar noch zugenommen hat. Wo keine Bilder sind, muss man sich selbst welche schaffen. Was zu dem Gedanken führt, dass die Freigabe aller Texte, Bilder, Töne in die Public Domain nicht unbedingt dazu führen wird, dass alle Menschen von Konsumenten zu kreativen Sample-Künstlern werden.



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Die Ausstellung Veto – Zeitgenössische Positionen in der deutschen Fotografie läuft noch bis zum 15. November in den Deichtorhallen. Beteiligte Künstler: Dörte Eißfeldt, Andreas Gefeller, Christoph Girardet & Matthias Müller, Beate Gütschow, Natalie Ital, Jenny Rosemeyer, Hans-Christian Schink, Andrea Sunder-Plassmann

Alfred Hitchcocks Under Capricorn läuft am Montag, den 12.10., ab 21 Uhr auf Arte

Die Freuden der Projektion auf vollkommen unvorbereitete Hintergründe kann man am Montag, den 12.10., ab 19.10 Uhr erleben. Dann fährt als kleiner Vorgeschmack auf das Radar Filmfestival ein zweigeschossiger Totenschädel vom Hamburger Spielbudenplatz los, von dem aus Filme aus dem Radar-Fundus des letzten Jahres auf Leinwände projiziert werden, "die, bis wir kommen, noch nicht wissen, dass sie Leinwände sind".

01 Oktober 2009

Wenn ein Reisender in einer Winternacht

In einer regnerischen Winternacht während des Rotterdam Filmfestivals 2005 musste ich mich sehr beeilen, um rechtzeitig die Spätvorstellung zu erreichen. In dem Moment, in dem ich mich im dunklen und leeren Kinosaal setzte, öffnete sich auch schon der Vorhang. Es dauerte zwei oder drei wunderbare Minuten, bis ich begriff, dass die Bilder, die auf der Leinwand erschienen, nicht zu Hong Sang-soos Woman is the Future of Men gehörten. Statt souveräner südkoreanischer Frauen und alkoholisierter Männer sah ich – was eigentlich? Damen und Herren in Abendgarderobe. Die Körper starr, verharrend in Posen, wie man sie bei sozialen Anlässen einnimmt, gestaffelt und arrangiert in Hotelfoyers und Korridoren. Meine Erinnerung ist vage, aber ich glaube, dass die Bilder flackerten, mal verlöschten die Lampen im rechten oder linken Teil des Bildes, mal wurde es ganz dunkel, dann enthüllte ein Licht wieder ein neues Arrangement von Körpern. Vielleicht Gäste einer Party, die gerade zu Ende gegangen war, und die sich nun nichts mehr zu sagen hatten. Oder waren sie erstarrt, weil etwas ganz Ungeheuerliches sich gerade ereignet hatte? Mir kam es damals jedenfalls so vor.

Etwas so Schönes hatte ich noch nie gesehen. Was natürlich Quatsch ist. Etwas so Schönes hatte ich nie zuvor unvorbereitet gesehen. Das ist ja eine der Konventionen des Kinogehens, dass man immer schon etwas Bestimmtes im Kopf hat, weil man Kritiken gelesen hat oder einen Katalogtext, weil man den Regisseur kennt oder den konzeptionellen Rahmen der Reihe, weil man das Poster gesehen hat oder, was selten geworden ist, Standbilder im Aushang. Filme können einen überraschen, weil sie anders funktionieren als erwartet, aber meist sind die Überraschungen eines Films, seine bewusst gesetzten Schocks und Brüche, genau das, was man als Erstes von ihm erfährt. Weshalb es ja auch kaum etwas Langweiligeres als die "Skandalfilme" aus Cannes gibt, deren Anstößigkeiten bis zu ihrer Aufführung in heimischen Kinos längst fein säuberlich in Pro-und-Contra-Kolumnen zerlegt worden sind. Es ist ja heute auch nahezu unmöglich, Das weiße Inglourious Antichrist Basterds Band zu sehen, ohne vorher auf einen vierseitigen Textkoloss von Georg Seeßlen zu stoßen.

Es gibt in der Institution Kino nur wenige Gelegenheiten für erschütternde Überraschungen. Diese stellen sich nur ein, wenn bestimmte Erwartungen grundlegend enttäuscht werden, wenn man also unvorbereitet in einem gänzlich anderen Bildkosmos landet als vermutet. Anarchische Filmvorführer könnten einem dieses Vergnügen verschaffen, so wie Tyler Durden in Fight Club, der Porno-Schnipsel in Disney-Filme hineinschneidet. Oder unfähige oder übermüdete Vorführer, die Akte verwechseln oder vertauschen. Das passiert allerdings ebenso selten wie das falsche Binden von Büchern, das in Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht wiederholt dazu führt, dass ein Lesender sich in gänzlich unerwarteten und miteinander unverbundenen narrativen Welten wiederfindet. Eine solche Form des ontologischen Verirrens und Befreiens ist strukturell eigentlich nur im Fernsehen oder im Radio möglich. Vielleicht sollte man einen Sender auf die Beine stellen, der seine Bilder und Töne mithilfe eines Zufallsgenerators nach dem Cut-up-Prinzip von William S. Burroughs aneinanderreiht. Cumshots in der Quizshow.

Manchmal stellt sich dieses Gefühl, dass auf der Leinwand alles möglich ist, dass man keine Ahnung hat, was als nächstes kommt, auf Filmfestivals ein. Am dritten oder vierten Tag, wenn man es längst aufgegeben hat, einem sauber ausgetüftelten Plan zu folgen. Wenn Müdigkeit, Hunger und ein weiterer schlechter Film einen im Niemandsland zwischen den Kinos und Menschen driften lassen und man dann vor lauter Fremdheit und Überdruss doch wieder in den nächsten Saal taumelt. Und der Vorhang sich öffnet. Occasional Glimpses of Beauty. Rotterdam im Winter ist ein ganz guter Ort dafür.

Als ich spät in der Nacht in mein Hotelzimmer zurückgekehrt war, nahm ich den Katalog zur Hand und sah nach, was mir da geschehen war. Es war der Film Mirror von Christoph Girardet und Matthias Müller. Hans Schifferle: "großes Kino, verdichtet, gedichtet. Der Blow-up eines verzauberten Augenblicks, ein Liebesthriller." Ich habe lange darauf gewartet, ihn noch mal zu sehen.

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Donnerstag, 8. Oktober, 19 Uhr, Metropolis Kino:
Filme von Christoph Girardet & Matthias Müller
Phoenix Tapes (1999), Beacon (2002), Mirror (2003), Kristall (2006)
Zu Gast: Christoph Girardet & Matthias Müller

30 August 2009

Der letzte Puritaner

Je mehr fleißige Literaturredakteure und freie Journalisten sich durch Ulrich Blumenbachs Übersetzung von David Foster Wallaces Infinite Jest lesen, desto länger wird James Incandenzas berüchtigtes Snuff Movie, bei dem nicht die Akteure sterben, sondern die Zuschauer. Das Schöne an Wallaces Erfindung eines Films, den keiner beschreiben kann, weil ihn niemand überlebt, besteht darin, das gerade sein Mangel an Verfügbarkeit ihn tausendfach reproduziert, über den Umweg der Schrift und der Imagination. Welches unendliche Vergnügen ist darauf abgebildet? Oder vielmehr: Worin besteht das unendliche Vergnügen, ihn zu sehen?

Das wunderbar Anachronistische am 1996 erschienenen Infinite Jest ist, das sich in ihm das ultimative Entertainment-Produkt auf einem Medium manifestiert, für das es heutzutage kaum noch Abspielgeräte in deutschen Wohnstuben gibt: die gute alte abgenudelte Videokassette. Darin spiegelt sich zum einen die Entstehungszeit des Romans in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren, als Videorekorder noch immer die dominierende Form des Home Entertainment darstellten. Und es spiegelt sich in Wallaces Wahl auch noch ein wenig der bürgerliche Horror vor diesem Medium, dessen geheimes Herz die Porno- und Horrorabteilungen der Videotheken waren. (Nebenbei gefragt: Haben/Brauchen DVD-Theken heutzutage eigentlich noch "Nur ab 18"-Abteilungen? Ist diese letzte große Hürde [neben dem Zurückspulen] des Hardcore-Entertainments, das leidige Befingern der gleichförmigen Waren im Regal, das Ausleihen am Tresen, nicht längst obsolet geworden, wie das Shoppen in Kaufhäusern?) Mein persönliches VHS-Tape mit "unendlichem Spaß" stelle ich mir jedenfalls als ein Endlos-Loop vor aus Kay-Parker-Blowjobs und Lucio-Fulci-Splatter.

Wäre Infinite Jest zehn Jahre später entstanden, hätte Wallace sich vielleicht für das Internet als todbringendes Medium entschieden. Dort ist die Idee eines Entertainments in Permanenz, einer sich selbst fütternden Aufmerksamkeitsmaschine, die keiner menschlichen Partizipation mehr bedarf, in verschiedenen Ausformungen längst realisiert. Wenn ich von der für mich größten Verlockung ausgehe, sehe ich Unendlichen Spaß am ehesten in Blogrolls manifestiert. Abonniert man genug Feeds, funktionieren diese wie ein Endlos-Laufband der Attraktionen. Es lässt sich bestimmt auch ein Programm entwickeln (vielleicht gibt es das schon?), das neue Blogs/Feeds, die in der Blogroll zweimal auftauchen, automatisch dazuabonniert, sodass ein Perpetuum mobile der maßgeschneiderten Texte und Bilder entsteht. Aus Angst, wie eine dauergedopte Wallace-Figur permanent sabbernd vorm Monitor abzuhängen, werde ich mir niemals eine Blogroll einrichten. The Wayward Cloud würde dadurch völlig unmöglich werden.
Mr. Harold Hecuba, whose magazine job entails reviewing dozens of adult releases every month, has an interesting vignette about a Los Angeles Police Dept. detective he met once when H.H.’s car got broken into and a whole box of Elegant Angel Inc. videotapes was stolen (a box with H.H.’s name and work address right on it) and subsequently recovered by the LAPD. A detective brought the box back to Hecuba personally, a gesture that H.H. remembered thinking was unusually thoughtful and conscientious until it emerged that the detective had really just used the box’s return as an excuse to meet Hecuba, whose critical work he appeared to know, and to discuss the ins and outs of the adult-video industry. It turned out that this detective – 60, happily married, a grandpa, shy, polite, clearly a decent guy – was a hard-core fan. He and Hecuba ended up over coffee, and when H.H. finally cleared his throat and asked the cop why such an obviously decent fellow squarely on the side of the law and civic virtue was a porn fan, the detective confessed that what drew him to the films was "the faces," i.e. the actresses’ faces, i.e. those rare moments in orgasm or accidental tenderness when the starlets dropped their stylized "fuck-me-I’m-a-nasty-girl" sneer and became, suddenly, real people. "Sometimes – and you never know when, is the thing – sometimes all of a sudden they’ll kind of reveal themselves" was the detective’s way of putting it. "Their what-do-you-call … humanness." It turned out the LAPD detective found adult films moving, in fact far more so than most mainstream Hollywood movies, in which latter films actors – sometimes very gifted actors – go about feigning genuine humanity, i.e.: "In real movies, it’s all on purpose. I suppose what I like in porno is the accident of it."

Hecuba’s detective’s explanation is intriguing, at least to yr. corresps., because it helps explain part of the deep appeal of hard-core films, films that are supposed to be "naked" and "explicit" but in truth are some of the most aloof, unrevealing footage for sale anywhere. Much of the cold, dead, mechanical quality of adult films is attributable, really, to the performers’ faces. These are the faces that usually appear bored or blank or workmanlike but are in fact simply hidden, the self locked away someplace far behind the eyes. Surely this hiddenness is the way a human being who’s giving away the very most private parts of himself preserves some sense of dignity and autonomy – he denies us true expression. (You can see this very particular bored, hard, dead look in strippers, prostitutes, and porn performers of all locales and genders.) But it’s also true that occasionally, in a hard-core scene, the hidden self appears. It’s sort of the opposite of acting. You can see the porn performer’s whole face change as self-consciousness (in most females) or crazed blankness (in most males) yields to some genuinely felt erotic joy in what’s going on; the sighs and moans change from automatic to expressive. It happens only once in a while, but the detective is right: The effect on the viewer is electric. And the adult performers who can do this a lot – allow themselves to feel and enjoy what’s taking place, cameras or no – become huge, legendary stars. The 1980s’ Ginger Lynn and Keisha could do this, and now sometimes Jill Kelly and Rocco Siffredi can. Jenna Jameson and T.T. Boy cannot. They remain just bodies. (Fußnote 14, David Foster Wallace: "Big Red Son", enthalten in der Sammlung Consider the Lobster)
Auch wenn ich den medialen Puritanismus von David Foster Wallace ein Stück weit teile, bin ich mir nicht so sicher, ob die Hoffnung auf eine echte emotionale Verbindung zwischen Porno-Darsteller und Zuschauer, die Wallace in seiner großartigen Pornbiz-Reportage "Big Red Son" zum Ausdruck bringt, nicht ein bisschen naiv ist. Diese Hoffnung lebt gegen jedes bessere Wissen des Autors davon, dass Spiel der medialen Oberflächen an einer Stelle willkürlich zu unterbrechen und zu behaupten, dass hier das sonst unter Ironie und Selbstreflektion verborgene Reale sichtbar werde. Die Interpretation der Porno-Gesichter lässt sich auch umdrehen, das glückselige, lustvolle Lächeln, das auf ihnen zutage tritt, als seltener Moment des gelungenen Spiels und der wahren Simulation interpretieren.

Die Hoffnung auf eine direkte, ehrliche Kommunikation zwischen Bilderproduzent und -Konsument, zwischen Autor und Leser durchzieht das gesamte Werk von Wallace. Letztlich ist er ein Romantiker alter Schule, ein Postmoderner wider Willen, dessen Texte Versuche darstellen, die "falschen", "kommerziellen", "ironischen" Kommunikationsformen, die unser aller Bewusstsein dominieren, durch nahezu exakte sprachliche Reproduktion zugleich zu beschwören und verfremdend durchschaubar zu machen. Diese gigantische Aufgabe der Literatur, der er glaube ich als einziger zeitgenössischer Autor gerecht geworden ist, hat er in dem frühen Essay "E Unibus Pluram: Television and U.S. Fiction" auf den Begriff der "Image-Fiction" gebracht. Anhand seiner Erzählung "Little Expressionless Animals" aus dem Kurzgeschichtenband Girl With Curious Hair erläuterte Wallace in einem Interview eines der Grundprinzipien der Image-Fiction:
"Im Gegensatz zu TV versucht die Story den Leser daran zu erinnern, dass er die Begebenheiten nicht direkt erfährt, dass der Prozess des Lesens eine Beziehung zwischen dem Bewusstsein des Autors und des Lesers herstellt, die, um zu einer vollständigen menschlichen Beziehung zu werden, seine aktive linguistische Mitarbeit erfordert."
Auch in seiner Konzeption des Lesens, die die Früchte der Lektüre ernsthafter Literatur mit der Arbeit ins Verhältnis setzt, die in sie investiert wird, zeigt sich David Foster Wallace als Puritaner. Allerdings, und ich glaube, das macht sein Werk so endlos faszinierend, ein Puritaner mit einer seltenen Gabe zu unterhalten und zu amüsieren. Vielleicht war Wallace einfach zu gut darin, die von ihm geliebten und zugleich gehassten Entertainment-Formate bis in die letzte tonale Nuance zu reproduzieren. (Darin erinnert er mich ein wenig an Heino Jaeger, einen deutschen Meister der eidetischen Wiedergabe von sprachlichen und visuellen Eindrücken, der auch an Depressionen litt und viel zu früh starb). Es muss Wallace eine furchtbare Mühe gekostet haben, in seinem eigenen Bewusstsein immer wieder die Stimme der aufklärerischen Rationalität vom babylonischen Geschwafel tausender Anchormen der guten Laune zu unterscheiden.

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Tipp für David-Lynch-Fans: Dass David Foster Wallace ein glänzender Beobachter war, zeigt seine schöne Reportage "David Lynch Keeps His Head", die 1996 in der September-Ausgabe des Premiere-Magazins erschien. Wallace berichtet vom Lost Highway-Set, beobachtet Lynch beim Ketterauchen und Pinkeln an Bäume und macht sich Gedanken über das Böse in Lynchs Filmen – sehr schlau, sehr puritanisch.

22 August 2009

Das Fantasy Filmfest gestern und heute

Programm des 1. Fantasy Filmfestes
im Hamburger Alabama-Kino, 1987.
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Vergleicht man das diesjährige Programm mit dem des ersten Fantasy Filmfestes von 1987, fällt eines gleich auf: Damals liefen fast ausschließlich alte, heute nur neue Werke. Schade, dass ich das, was ich heute sehr vermisse, damals nicht zu schätzen wusste. Jedenfalls habe ich vor 22 Jahren Klassiker wie The Seventh Victim, Jason and the Argonauts und The Haunting links liegen lassen und habe mir nur Texas Chainsaw Massacre II in der Gore Night angesehen. Die ist mir auch deshalb in guter Erinnerung, weil die Band P.S.Y.O.B. mit großer Verspätung begann und der Film erst am frühen Morgen zu Ende ging. Ich kann mich erinnern, dass wir bei der Rückfahrt im Auto im Morgengrauen tatsächlich Angst vor entgegenkommenden Wagen hatten, wegen der ersten Szene aus TCM II. Den Film schätze ich auch deshalb, weil seine Mischung aus Redneck-Humor und krudem Splatter beim Wiedersehen letztes Jahr im Rahmen von Bizarre Cinema auf fast alle Zuschauer immer noch widerlich und anstößig wirkte. Neben Dennis Hopper als bekloppter Good Guy Lefty glänzt vor allem Bill Moseley als autokannibalistischer Vietnamveteran Chop Top, der seinen toten Zwillingsbruder mit sich rumschleppt und sich den ganzen Film hindurch selbst auffrisst, indem er einen Metallkleiderbügel mit einem Feuerzeug erhitzt, mit dem glühenden Ende unter seiner Sonny-Bono-Perücke herumstochert und die gerösteten Hautpartikel verspeist. Ganz groß auch Leatherface, der sich als Loverboy mit schnalzender Zunge und erigierter Kettensäge in die Radiomoderatorin verliebt. Die Szene, in der er ihr das gerade frisch heruntergeschnittene, bluttriefende Antlitz ihres Kollegen auf das Gesicht legt und mit ihr tanzt, ist für mich eine der aufregendsten in der Geschichte des Horrorfilms. Kurze Zeit später kommt der Kollege noch einmal zu sich und erblickt – sich selbst.

Programm des 2. Fantasy Filmfestes
im Alabama und Metropolis, 1988.
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Würde das Programm des zweiten Fantasy Filmfestes von 1988 heute noch mal aufgelegt, würde ich mir eine Dauerkarte besorgen. Der tatsächliche Timetable dieses Jahres macht mich wie immer etwas ratlos. Das liegt vor allem an dem Mangel jeder Idee, jedes Konzeptes zu der Frage, was denn das überhaupt war und ist, ein fantastischer Film. Seit der großartigen Chang-Cheh-Retro vor ein paar Jahren wird auf jede Entdeckungsreise in die reiche Vergangenheit des Genrekinos verzichtet, und diese Geschichtslosigkeit macht sich auch in der Auswahl der neuen Filme bemerkbar. Es gibt keine erkennbaren thematischen Gruppierungen von Werken, die Trends und Fragestellungen sichtbar machen, stattdessen ist der Grabbeltisch der neuen Horror-Waren in nichtssagende Sektionen wie "Midnight Madness" und "Fresh Blood" unterteilt. Besonders auffällig ist die Lieblosigkeit der Auswahl an den Filmen, die in Opening und Closing Night und als Centerpiece laufen. Der diesjährige Eröffnungsfilm Carriers kann stellvertrend für den Schrott stehen, der auf diesen exponierten Programmplätzen gezeigt wird. Ganz bewusst werden hier nicht Filme bekannter Regisseure gezeigt, die sowieso ihre Besucher finden, schon gar nicht innovative Werke, die die Zuschauer herausfordern könnten, sondern unambitionierte Dutzendware, das, was die Veranstalter für den kleinsten gemeinsamen Nenner des Publikumsgeschmacks halten.

Dario Argento auf dem Fantasy Filmfest 1997

Gegen die Undifferenziertheit des Programms hilft mir eine Reihe von Regeln:

1.) Bekannte Namen: Viele Enttäuschungen haben mich gelehrt, neue Filme von John Woo und Park Chan-wook zu meiden, stattdessen freue ich mich auf Mamoru Oshiis The Sky Crawlers, Derek Yees Shinjuku Incident, Dario Argentos Giallo (mit Adrien Brody) und Bertrand Taverniers In the Electric Mist, vor allem wegen Tommy Lee Jones und John Goodman. Schon gesehen habe ich Nicolas Windig Refns Bronson, in dem er wie in seiner großartigen Pusher-Trilogie ein restlos asoziales Unsexy Beast in all seiner Lächerlichkeit und Glorie zeigt. Der Film präsentiert Michael Gordon Peterson, der als "Charles Bronson" zum berühmtesten Gefängnisinsassen Englands wurde, als genialischen Performer eines radikal negativen Seins und Denkens, das sich gern vor Publikum präsentiert, aber niemals selbst erklärt. Wie seine Hauptfigur schwingt sich der Film in seinen besten Momenten zu einer schönen Beschwörung nackter physischer Gewalt auf, um in seinen schlechtesten Szenen in abgeschmackte Hooligan-Romantik abzustürzen. A Clockwork Orange wird vielleicht ein bisschen allzu offensichtlich zitiert. Toll aber, wie bei einer Party im Irrenhaus die Verrückten auf It’s a Sin von den Pet Shop Boys abgehen. Auf den Mr. Hyde (Keanu Reeves) von Nicolas Windig Refn bin ich nun aber doch gespannter als auf den von Abel Ferrara (Curtis "50 Cent" Jackson) und Guillermo del Toro.

Programm des 3. Fantasy Filmfestes
im Alabama und Metropolis, 1989.
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2. Hype: Mit Vorsicht zu genießen, denn die Blogosphäre schafft es, noch die größten Gurken in riesige Wolken verschwitzter Erwartung zu hüllen. Das Diskursniveau von FFF-Gängern ist seit der Einführung des IMDB-Punktesystems auch erstaunlich in den Keller gegangen. Auf Fragen, wie denn der Film war, bekommt man jetzt oft zu hören: "Ich habe ihm eine 8 gegeben." Wenn man mal nachschaut, was für eine Durchschnittswertung ein beliebiger Film bei IMDB hat, stellt man dann fest: so um die 7,2. Kann man sich also alles ansehen.

3. Länder: Ich bin der sicherlich anfechtbaren Meinung, dass das Genre-Gen nicht gleichmäßig über die Menschheit verteilt wurde. Ich möchte hier kein Länder-Bashing betreiben, aber es gibt einfach Nationen, die nicht in der Lage sind, auch nur einen einzigen vernünftigen Horrorfilm zu produzieren. Natürlich ist das eine Frage der Ökonomie, der historisch gewachsenen Nischen und Verteilung der Ressourcen von kreativem Kapital. Nur so viel: Deutschland geht gar nicht. Japan ist schwierig. Hongkong schlägt immer noch Südkorea. Frankreich wird immer interessanter. Spanien braucht kein Mensch, Guillermo del Toro ausdrücklich mit eingeschlossen.

4. Bilder und Texte aus dem Katalog: Die Bilder verraten in jedem Fall mehr als die Texte, die jede auch noch so mangelhafte Ware an den Mann bringen wollen. Vor allem miese digitale Bluescreen-Ästhetik und TV-Ausleuchtung so mancher Filme lassen sich anhand von Szenenfotos gut erkennen. Auch gut auszusortieren sind Werke mit dem heute gängigen US-Teenie-Personal.

So, und nun muss ich los, gleich beginnt The Sky Crawlers.

18 August 2009

Aus dem Scheißhaufen der Geschichte

Ich will jetzt nicht sagen, in der Scheiße ist’s gemütlich, obwohl ich eine Geschichte kenne von einem Kanalisationsarbeiter aus Halle an der Saale, der davon geschwärmt hat, wie schön es ist, in der Scheiße zu arbeiten, im Winter warm, im Sommer kühl. Aber man kann lange drin herumwühlen und Entdeckungen machen. Das hat damit zu tun, dass Dinge, die vergangen sind, versunken, immer noch da sind. (Dieses und folgende Zitate: Thomas Heise im taz-Interview)
In dem schönen Interview, das heute in der taz erschienen ist, erinnert Thomas Heise noch einmal an die Bedeutung der Ereignisse, die vor 20 Jahren zu Mauerfall und Wiedervereinigung geführt haben. Nicht darum ging es, dass Zonen-Gabi endlich in ihre erste Banane beißen konnte, sondern um den letzten potenziell revolutionären Moment der deutschen Geschichte. Dieser ist mittlerweile verschüttet unter einem riesigen Haufen Bilder und Worte. Heises Film Material ist der Versuch, aus diesem Haufen utopische Partikel der demokratischen Partizipation und des Umsturzes zu bergen.
Die Maueröffnung hat in der Dynamik damals dann dazu geführt, dass die Köpfe mit Produkten beschäftigt wurden, nicht mehr mit Ideen. Die wachen Gesichter vom 4. November habe ich danach nicht mehr gesehen. Ein Familienvater in Halle hat die Geschichte so beschrieben: "Die Wohnung wird immer voller, und im Kopf immer weniger. Und ich weiß immer weniger, warum." Das ist so ein Punkt. Auch die Fernseher, in denen nichts zu sehen ist, werden immer größer.
Die Ideen, über die damals auf den Straßen der DDR verhandelt wurden, macht Heise vor allem in Momenten der öffentlichen Rede sichtbar. Bürger treten heraus aus ihrem privaten Bereich und ihrer beruflichen Funktion und sprechen zum ersten Mal in ihrem Leben vor vielen anderen über ihre Hoffnungen, ihre Ängste und den Staat, den sie sich wünschen. Sichtbar und hörbar werden Momente der Neuverortung des Menschen in Bezug auf das soziale Ganze, Teilhabe wird eingefordert. Spannend ist es zum Beispiel zu verfolgen, wie bei einer Kundgebung, bei der den DDR-Bürgern Egon Krenz als Retter in letzter Not präsentiert werden soll, den SED-Vertretern langsam die rhetorische Hoheit über das Ereignis entgleitet. Immer mehr Menschen treten vor die Mikros und stellen ihre Forderungen, werden zu Subjekten der Geschichte, wenn auch nur für einen kurzen Moment.
Es geht darum, wieder zu lernen, ein Bild zu sehen und dann zu fragen: Was ist das, was ich da sehe? Was geschieht dort? Wenn nach einer Zehntelsekunde alles zugeordnet, mit Etiketten versehen, bewertet, abgehakt und damit vergessen ist, kann kein Denken mehr stattfinden. Erstmal gucken.
Auch in den Szenen aus dem Deutschen Theater, wo der Regisseur Fritz Marquardt mit Mitarbeitern das Heiner-Müller-Stück Germania Tod in Berlin vorbereitet, geht es um das Sprechen oder auch um das Hinauszögern von Sprache und Etikettierung, wenn die richtigen Worte noch nicht gefunden sind. Die Suche nach einer nicht autoritären Ansprache des Publikums wird sichtbar im Ringen um ein nichthierarchisches Verhältnis von Bühnen- und Zuschauerraum. Schön auch die wiederholte Aufforderung Müllers an eine Schauspielerin, das Wort "König" ohne Intonationssteigerung auszusprechen, ohne eingebauten Bückling also.
Ein Interview kann leicht zum Verhör werden. Oder man muss ständig irgendwelche Missverständnisse korrigieren. Gestern hat jemand mit mir geredet – ich weiß schon wieder nicht mehr, wer –, und es ging um eine Sequenz aus Material: "Man kann sich die Geschichte länglich denken. Sie ist aber ein Haufen." Da heißt es dann: Sie haben gesagt, man soll die Geschichte nicht als Linie sehen, sondern als Haufen. Das habe ich natürlich nicht gesagt. Das ist wie bei stiller Post. Lebensgefährlich.
Sprechen ist immer eine ambivalente Angelegenheit. Das, was die Subjekte äußern, ist das Material der Geschichte, noch nicht ihr letzter Sinn. In den Szenen aus der Justizvollzugsanstalt Berlin-Brandenburg treten Gefängnisbeamte vor die Kamera und sprechen vom schweren Dienst der Umerziehung und Verwahrung, den sie jahrelang ohne Anerkennung und für geringen Lohn getan haben, und die nun fürchten, an den Pranger gestellt zu werden. Danach plädieren Inhaftierte für die Ausweitung einer Amnestie, üben sich rhetorisch in Reue, wollen aber auch ihr Stück vom Kuchen der allgemeinen Verbesserung der Lebensbedingungen haben. Es geht nicht darum, sofort Gegenpositionen zum Gesagten zu beziehen, sondern erst mal zuzuhören. Es bleibt ein großes Staunen darüber, dass es in der jüngeren deutschen Geschichte einen Moment gab, wo die Menschen auf die Straßen gingen, vor die Mikrofone drängten und nach Worten suchten, die nicht nur ihnen selbst eine Form gabe, sondern auch der Welt, in der sie leben wollten. Was für eine schöne Utopie. Kurze Zeit später fiel die Mauer, die West-Kaufhäuser wurden gestürmt, und es kehrte wieder Ruhe ein im Land.
Das Erste, was du lernst in der folgenden Gesellschaft, du musst weggucken, musst dich abschotten, weil nahezu alle Informationen Informationen über Waren sind, die du kaufen sollst. Es geht nicht darum, dass diese Dinge für dich gut sind, es geht darum, dass du sie kaufst. Du als Adressat bist ansonsten ganz uninteressant. Dein Kopf wird zugemüllt mit Werbung, mit Melodien, mit Geschwätz. Es gibt immer mehr Scheiße. Und ich muss mich wehren dagegen, weil ich sonst verblöde. Ich muss mich abschotten nach außen, ich nehme keinen Kontakt mehr zur Umwelt auf, das fällt alles flach. Und das ist eine grundsätzlich andere Lebensform.

11 August 2009

Mehr Abenteurer!

Über Robert Enricos Les aventuriers (1967)

Ein Abenteurer sein heißt: das Leben zu lieben, aber nicht allzu stark an den Dingen, den Menschen, dem Leben zu hängen. Es gibt für mich kaum etwas Beeindruckenderes als die Gabe, all seine Energien in ein verrücktes Vorhaben zu stecken und bei dessen Scheitern mit den Achseln zu zucken und sich nach etwas Neuem umzusehen. So wie Burt Reynolds als Caine in Sam Fullers Shark!. So wie Manu (Alain Delon) in Robert Enricos Les aventuriers, als er nach dem misslungenen Versuch, unter dem Arc de Triomphe hindurchzufliegen, seinen Pilotenschein verliert. Wie Roland (Lino Ventura), dessen Dragster explodiert bei dem Versuch, einen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Wie Laetitia (Joanna Shimkus), deren Kunstausstellung von der Kritik verrissen wird. Das Ende ist für den Abenteurer immer der Beginn von etwas. Da Rolands Roulette-System (zwölfmal hintereinander auf dieselbe Farbe, bei Verlust Einsatz jeweils verdoppeln) durch eine alte Dame, die 14-mal mit Schwarz gewinnt, geknackt wird, begeben sich die drei auf Schatzsuche vor der Küste Afrikas.


Falls man nicht allein unterwegs ist, stellt eine Dreierbeziehung die ideale Konstellation für die Impermanenz und Leichtigkeit des Abenteurerdaseins dar. So lange Laetitia sich nicht für einen der beiden Männer entscheidet und eine Paarbeziehung mit all ihren Besitzansprüchen die Menage a trois ablöst, bleibt alles in einer schönen Schwebe, ein immerwährender Beginn von etwas, ein Versprechen, eine Sehnsucht, ein naiv-unschuldiges Spiel. Die drei bilden ein weiteres (für Wayward Cloud langsam zur Obsession werdendes) magisches Dreieck, ein instabiles Molekül, das aus einer Vielzahl gegenseitiger Anziehungskräfte zusammengehalten wird, sich aber nicht zu einer stabilen Form verfestigt. Die Beziehung der drei erinnert an Seans Erinnerungsbild am Ende von Giu la testa und an die Freundschaft von Kirk Douglas und Dewey Martin in Hawks’ The Big Sky, die durch das gemeinsame Nicht-Besitzenwollen einer von beiden geliebten Frau noch inniger wird.

Die Dreierbeziehung in Les aventuriers kommt vielleicht etwas allzu pünktlich in dem Moment zu einem blutigen Ende, als Laetitia sich für Roland entscheidet. Der Anlass für den tödlichen Schusswechsel ist ein vierter Mann (Serge Reggiani), der mit seinen von Anfang an offen zur Schau getragenen Besitzansprüchen (an Frau und Geld) das fragile Gleichgewicht stört, indem er das seiner Natur nach offene Abenteuer der drei zu einem ganz bestimmten Ende hin drängt. Mit dem Versenken von Laetitia im Meer, einer der schönsten Abschiedsszenen des Kinos, gerät zunehmend die Kehrseite des unbeschwerten Abenteurerdaseins in den Blick, nämlich die Unmöglichkeit, es in der heutigen Zeit führen zu können. Bei aller Schnelligkeit, mit dem der Film die Handlungsorte wechselt, bei allem Unwillen, seine Figuren politisch und historisch zu verorten, bei aller Feier des Beginnens und des Augenblicks, handelt Les aventuriers letztlich vom Tod und vom Ende der Utopien.

Der Film beginnt auf einem Auto-Schrottplatz, auf dem Laetitia nach Material für ihre afrikanisch anmutenden Skulpturen sucht. Wie die zerbeulten Karossen französischer Wagen, die träge von Kränen hin und hergeschwenkt werden, wirken auch die Reste des franko-belgischen Imperiums, in denen die Figuren ihr Glück zu machen versuchen. Neben dem Arc de Triomphe, 1806 von Napoleon zur Verherrlichung seiner Siege und als Paradeort seiner Armee in Auftrag gegeben, spielen eine Rolle: des Kaisers ausgestopftes Dromedar, dem Roland und Manu in einem Provinzmuseum begegnen, kahlgerupft von Touristen, die ein Mitbringsel brauchen. Ein vor der westafrikanischen Küste versunkener Schatz, hinter dem sich nichts anderes verbirgt als Raubgut der Kolonialregierung. Und das vor der Atlantikküste gelegene Fort Boyard, auch ein unter Napoleon fertig gestelltes Militärbauwerk, in dem der beeindruckende Showdown stattfindet.

Fort Boyard

Der Film erhebt nie den Zeigefinger, um auf vergangenes Unrecht zu deuten, aber der Lebensstil seiner Figuren, ihre Ungebundenheit, ihr Mangel an Ernst, die Leichtigkeit, mit dem sie Dinge aufgeben, bilden einen klaren Kontrast zu diesen Relikten imperialer Macht. Und so viel und schnell sie sich auch bewegen, so wenig sie Anteil nehmen an ihrer Umgebung, die Orte und Dinge haben doch Macht über die Figuren. Das Fort, das Roland in ein prächtiges Luxushotel verwandeln will ("Stell dir vor, man kann aus den Fenstern angeln!"), wird schließlich zum Schauplatz genau jenes Geschehens, das seine Erbauer dafür vorgesehen hatten: einer Schlacht auf Leben und Tod, geführt mit Pistolen und Handgranaten, die schon anscheinend für diesen Zweck dort verborgen lagen. Danach ist das letzte Abenteuer vorbei (The Last Adventure lautet auch der englische Titel des Films) und es bleibt nur noch die Bewegung in die Vertikale, in die die Kamera langsam entschwebt.

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Les aventuriers auf Arte:
Donnerstag, 27. August, 15.15 Uhr
Mittwoch, 2. September, 14.45 Uhr