17 Februar 2012

Njorp!

Eine Melange aus Fargo und Twin Peaks sollte es werden, stattdessen ist ein toller Bastard aus Heino Jaeger und Ultimate Fight Club entstanden. In seinem ersten Krimi lässt Frank Schulz einen Noppensocken tragenden Amateurdetektiv aus Hamburg-Eimsbüttel auf ein ganzkörpertätowiertes Kiez-Monstrum treffen – was Freundschaft hätte werden können, endet in einem Beinahe-Massaker auf der Außenalster. Neben handgreiflicher und struktureller Gewalt geht es in Onno Viets und der Irre vom Kiez außerdem um vielerlei Formen des audiovisuellen Trash-Entertainments, um die Liebe und natürlich um Tischtennis. Der Roman ist so temporeich, überraschend und variabel wie ein Weltklasse-Match, die sprachlichen Gags kommen mit der Härte und Frequenz der Vorhand von Ma Long, und selbst in den vertracktesten Momenten behält er souverän und gut gelaunt die Übersicht wie Timo Boll. The Wayward Cloud sprach mit Frank Schulz über die Ballwechsel zwischen Realität und Literatur und die Ästhetik männlicher Aggressionsabfuhr.

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The Wayward Cloud: Bei unserem letzten Gespräch haben Sie gesagt, dass Sie eine Anschauung der Realität brauchen, um einen Einstieg in die Fiktion zu finden. Welche Orte haben Sie für Onno Viets und der Irre vom Kiez aufgesucht?

Frank Schulz: Eigentlich alle, die vorkommen. Ich war an der Alster und habe die Fährpläne studiert, und ich bin eine Woche auf Mallorca herumgefahren. Ich habe mir dort eine Villa angeschaut, die mir als Handlungsort geeignet schien, sie dann aber an eine andere Ecke der Insel verlegt. Ich muss einen Ort gesehen haben, um mir dichterische Freiheiten mit ihm erlauben zu können. Das ist eine Pendelbewegung, erst stelle ich mir einen Ort vor, dann schaue ich ihn mir an und stelle ich oft fest, dass mein imaginäres Bild schief hängt, dass die Dinge, die dort passieren sollten, so nicht klappen können. Dann muss ich die Handlung wieder modellieren, verändern, damit ich wieder das Gefühl habe: So könnte es passieren.

Alles, was im Buch steht, muss in der Realität möglich sein?

Ich finde ja. Wo man dabei die Grenze zieht, ist schwer zu sagen. Wolfgang Herrndorf hat das Problem in seinem Blog über seinen Roman Sand so umschrieben: Es gibt richtige und es gibt falsche Fehler. Ob ein bestimmtes Mercedes-Modell 1972 schon eine Zentralverriegelung hatte, das ist relevant, das muss man recherchieren, sonst hat man einen richtigen Fehler. Nicht relevant ist, wenn man schreibt, dass am 17. Juni 1972 die Sonne geschienen hat, obwohl es damals regnete. Das nennt Herrndorf einen falschen Fehler. Was stimmen muss und was nicht, lässt sich schwer in Worte fassen, das findet man nach und nach heraus.

Nun fährt wohl kein Leser nach Mallorca, um den Roman zu überprüfen, hätte da nicht auch das Blättern im Reiseführer gereicht?

Es ist im Nachhinein schwer zu beurteilen, was ein Roman ohne Recherche geworden wäre. Es geht ja auch um die Stimmung des Ortes und um Einzelheiten, die man sich nie ausdenken könnte. Das Edelrestaurant etwa habe ich dort entdeckt, das entpuppte sich als idealer Handlungsort für eine wichtige Szene mit einem russischen Mafiosi.

Waren Sie auch in der Ritze oder sind Sie wie Onno vor der Tür geblieben?

Ich war da auch früher schon oft drin. Zum Abschluss einer Kiez-Nacht ging’s immer ins Lehmitz oder in die Ritze. Das ist aber viele Jahre her, deshalb wollte ich mir die Kneipe mal wieder anschauen und habe ein paar Fotos dort gemacht. Beim Schreiben habe ich dann aber gedacht, eigentlich wäre es viel besser, wenn so ein legendärer Ort von den Figuren gar nicht besucht wird, sondern sich die Handlung draußen abspielt, vor der breitbeinigen Dame. Es sollte ja auch kein Milieu-Roman werden.



Gibt es ein Vorbild für den Kiez-Schläger Tibor alias Händchen?

Die Figur speist sich aus den verschiedensten Quellen, zum Beispiel aus eigenen Erfahrungen. Als Dorf-Jugendlicher sind wir öfter mal mit delinquenten Typen aneinandergeraten, die ziemlich hauermäßig drauf waren. Die Rollenverteilung war klar: Die sind diejenigen, die auf die Glocke hauen, und wir sind diejenigen, die weglaufen und einstecken. Das ging schon mangels Masse nicht anders. Und die hatten den Vorteil der Brutalität auf ihrer Seite, wo die austeilten, wuchs kein Gras mehr. Ich hau niemandem mit dem Ellbogen in die Schnauze, das kann ich nicht. Diese frühen Erfahrungen mit Gewalt und mit dem Gefühl der Erniedrigung stecken mir bis heute in den Knochen. Es ist zwar nicht so, dass ich permanent angstbeladen durch die Gegend laufe und denke, dass ich gleich was auf die Fresse kriege, aber die Verunsicherung wirkt nach. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich jetzt damit auseinandergesetzt habe. Ich verabscheue Gewalt, aber sie fasziniert mich auch, und sie birgt ein großes ästhetisches, schwarz-magisches Potenzial. Ich habe viele einschlägige Filme gesehen und die Biografien von Kiez-Größen und Hooligans gelesen. Aus diesen persönlichen und sekundären Quellen ist nach und nach Händchen entstanden.

Das zentrale Thema des Romans ist die Gewalt?

Ja. Gehüllt in die Frage, was passieren würde, wenn man einen Softboiled Detective auf so einen schlimmen Finger treffen lässt. Und wenn der eine den anderen dann auch noch als Freund betrachtet. Die Begegnung zwischen Onno und Händchen kommt ja zufällig zustande, keiner der beiden hat sie gesucht. Sie hat sich vielmehr ergeben durch einen strukturellen Zwang: Onno kann nichts, muss aber irgendwie Geld verdienen. Deshalb kommt er in Teufels Küche. Um es mal in einer Drehbuchformel zu sagen, die ich mir im Verlauf des Schreibprozesses an die Wand gepinnt habe: Der Gute ist gezwungen, das Gute im Bösen zu verraten. Es geht also um zwei verschiedene Formen der Gewalt, die körperliche Händchens, und eine strukturelle, die in unserer Gesellschaft herrscht, weil man ohne Geld nun mal unter der Brücke landet.

Können Sie diese strukturelle Gewalt noch etwas näher erläutern?

Sie kommt zum Ausdruck in einem Satz des Ich-Erzählers: „In einer Gesellschaft, in der nach Leistung bezahlt wird, ist Onno ein Fall für die Organbank.“ Dahinter verbirgt sich die These, dass Menschen in der heutigen Gesellschaft nur noch als ökonomische Faktoren betrachtet werden. Früher sind Typen wie Onno bei der Post untergekommen und konnten da ohne Leistungsdruck und Zeitvorgaben ihren Lebensunterhalt verdienen. Auch deshalb ist ja diese ganze Privatisierung ein Dreck. Da geht’s ja nur noch um Zahlen und Profite, es ist die reine Polemik, davon zu sprechen, das komme alles dem Verbraucher zugute.



Kann Gewalt eine Lösung für Probleme sein?

Es gibt ein Buch, das heißt Gewalt ist eine Lösung. Der Autor Stefan Schubert, einst Polizist und zugleich ein Hooligan, erklärt darin ganz plausibel, warum für ihn Gewalt eine Lösung war. Als Jugendlicher musste er immer durch ein Viertel, in dem er oft Ärger bekam. Eines Tages ist er dann in eine Kampfsportschule gegangen, hat bei einer erneuten Anmache seinem Gegenüber eins auf die Nuss gehauen und eine entscheidende Erfahrung gemacht: Plötzlich wurde ihm Respekt gezollt. Diesen Dreh- und Angelpunkt habe ich in allen Büchern wiedergefunden, die ich zum Thema gelesen habe: erst die Demütigung, dann die Umkehr und Respektbezeugung. Insofern kann man davon sprechen, dass Gewalt für diese Leute eine Lösung war. Allerdings nur kurzfristig: Man haut jemandem auf die Schnauze, und dann ist erst mal Ruhe. Aber damit ist es meist nicht zu Ende, Gewalt wirkt nach, sie erzeugt Gegengewalt, schaukelt sich hoch, schafft ihre eigene unübersichtliche Situation. Ich bin überzeugt, dass es bessere Lösungen gibt.

Haben Sie selbst mal Kampfsport betrieben?

Weil wir als Jugendliche dauernd damit konfrontiert waren, dass man uns in Stade auf die Omme kloppen wollte, sind wir mal alle zusammen in einen Boxverein gegangen. Da habe ich genau den Typen wiedergetroffen, der mir immer ans Leder wollt, und bin lieber wieder zu Hause geblieben. Mit Anfang 30 hatte ich dann mal eine Phase, in der ich es geschafft hatte, das Rauchen aufzugeben, und mit Karate begann. Das fand ich super, diese domestizierte, ritualisierte Form des Trainings, die tänzerischen Katas. Da kann man wirklich Aggressionen abbauen, allein durch das Schreien und die Konzentration auf die Schläge.

Onno und seine Kumpels spielen Tischtennis – ist das eine zivile Variante männlicher Aggressionsabfuhr?

Ja, das ist eine Komponente. Da geht’s richtig zur Sache, man kommt ins Schwitzen, die Emotionen kochen hoch. Ich spiele selbst regelmäßig Tischtennis und gehöre zu denen, die am lautesten dabei rumbrüllen. Mit der Zeit entwickelt man ja auch einen gewissen Ehrgeiz, da geht es ab einem gewissen Level schon um was. Wenn ich jemandem vom Tischtennis erzähle, und der meint dann „Ach, Runde und so“, dann krieg ich einen ganz schönen Hals.



Was für ein Spieler sind Sie?

Es gibt ja die unterschiedlichsten Typen, es gibt die coolen Blocker, so wie Onno, es gibt die Angriffsspieler, es gibt die psychologischen Taktiker. Mich freut am meisten die Ästhetik der Ballistik, ich liebe die euphorischen Zustände, in die man bei spektakulären Ballwechseln geraten kann. Ich bin eigentlich derjenige, der am schnellsten vergisst, ob er verloren oder gewonnen hat. In den Einzeln verliere ich überwiegend, was mir zwar auch auf den Sack geht, ich weiß aber, wie die anderen das machen. Weil sie mich nämlich mental zu packen kriegen bei meiner Achillesferse, dass ich gerne schön und nicht auf Gewinn spiele. Dazu bin ich gar nicht in der Lage, ganz schlecht bin ich in Tempowechseln und im Variieren von Angriffstaktiken. Mir liegt eher das Doppel.

Im Buch spielt neben anderen visuellen Formen des Proll-Entertainments auch ein fiktiver Youtube-Amateurfilm eine zentrale Rolle. Was hat Sie daran gereizt, sich dieses Medium literarisch anzueignen?

Ursprünglich wollte das mit der Kamera festgehaltene Geschehen aus einer auktorialen Perspektive erzählen. Ich konnte aber nicht den richtigen Ton dafür finden. Ich wollte, dass das Finale grotesk ist, weil Gewalt ja immer auch etwas Groteskes hat, andererseits sollte die Sprache weder zu gewaltverherrlichend noch zu distanziert sein. So kam mir irgendwann der Gedanke, dass das ganze Geschehen zufällig gefilmt wird. Dann brauchte ich nur noch zu beschreiben, was im Film zu sehen ist, und das Ganze bekam seinen eigenen Ton und seine eigene Glaubwürdigkeit. Was gefilmt ist, ist nun mal wahr, auf der These basieren zumindest eine prosperierende Industrie und auch Youtube. Außerdem interessierte mich, was genau da eigentlich passiert, wenn jemand mit seinem Handy eine Katastrophe wie bei der Love Parade filmt. Warum macht man das? Ein professioneller Kameramann und Kriegsreporter, den ich dazu befragte, sagte mir: „Meine Kamera ist der Filter. Durch sie kann ich Distanz halten zu dem, was ich aufnehme.“ Das klingt paradox, ist aber genau der Punkt: Es geht darum, eine Form von Kontrolle über das Geschehen zu bekommen. Das ist auch der Kern des Stockholm-Syndroms, das es ja so gar nicht gibt, da glaube ich Natascha Kampusch. Die hat in ihrem Buch vehement darauf hingewiesen, dass das Sich-Einlassen mit ihrem Aggressor kein Syndrom ist, keine Krankheit, sondern eine ganz bewusste Überlebensstrategie. In einem Interview hat sie erzählt, dass sie ihrem Peiniger nach jedem Übergriff innerlich verziehen hat – sonst hätte sie die acht Jahre nicht überlebt.

06 Mai 2011

Slickrock Cinemas, Moab

Inspiriert von Volker Pantenburgs toller Reihe Amerikanische Kinos, geschrieben auf einer US-Tastatur.

Moab im Sueden der USA durchfaehrt man wie alle Kleinstaedte Amerikas auf der Main Street, an der Motels, Restaurants, Supermarkets, Hardware Stores und Drive-thru Banks mit riesigen Billboards um Aufmerksamkeit konkurrieren. Hinzu kommen unzaehlige Laeden, in denen man Adventure Tours, Hummers, Four Wheel Drives und jede erdenkliche andere Form hochmotorisierter Vehikel mieten kann. Auf der Strasse gut gebaute Freeclimber, Mountainbiker und Jeep-Frickler mit Schuerfwunden an den Armen und Schraubenschluesseln in der Hosentasche, mit denen sie abends zaertlich an ihren Vehikeln herumschrauben. Es war ueberraschend, an einem solchen Ort ein Kino mit drei Saelen zu entdecken, "conveniently behind Burger King", in einer dieser Seitenstrassen, die direkt in die Wildnis zu fuehren scheinen.

Es liefen ein Kinderfilm und einer mit Vin Diesel, also entschieden wir uns fuer The Adjustment Bureau (TAB), von dem ich, seltenes Glueck, noch nie zuvor gehoert hatte. Das Plakat zeigte Matt Damon und Emily Blunt vor oder auf der Skyline eines entvoelkert wirkenden New York, ich erwartete einen Mindfuck-Thriller a la Philip K. Dick mit verschiedenen Realitaetsebenen. Der Film begann wie ein Politdrama, Matt Damon scheitert als jung-dynamischer Senats-Kandidat, der fuer ein ehrlicheres, demokratischeres Politikverstaendnis steht, am verkrusteten System. Auf der Maennertoilette begegnet er in der Nacht der verlorenen Wahl Emily Blunt, die barfuss und mit Champagnerflasche aus einem Klo kommt. Es folgt die schoenste Szene des Films, eine intensive Begegnung, die mit wenigen Worten und Blicken inszeniert ist und bei der man trotz aller Spontanitaet das Gefuehl nicht los wird, einer Meta-Inszenierung beizuwohnen. Kurze Zeit spaeter wird die Ahnung zur Gewissheit, als Matt Damon, kurz nachdem er Blunt zufaellig zum zweiten Mal getroffen hat, einen Blick hinter den Vorhang der Realitaet werfen kann: Die Welt ist in der Hand von grauen Maennern mit Hueten, die dafuer sorgen, dass alles nach Plan laeuft, d.i. ein Buch, das vom Chairman/Gott geschrieben wurde. Die Liebe zwischen Damon und Blunt steht nicht darin.

So weit so bescheuert so gut so lange es als Exposition benutzt wird, um den Rahmen zu skizzieren, in dem die Figuren ihr Glueck gegen alle Widerstaende zu behaupten haben. TAB gehoert aber zu einer neuen Art von Filmen, die man nicht nach Genres kategorisieren kann, da sie sie haeufig wechseln, sondern die sich durch eine Erzaehlstruktur auszeichnen, die sich vom raeumlich gepraegten Paradigma von Computerspielen herleitet. Diese Struktur zeichnet sich dadurch aus, dass die Exposition bis zum Schluss dauert, sie endet erst am Ende, staendig liefert der Film neue Informationen, die das Vorhergegangene nicht nur in neuem Licht erscheinen lassen (wie Filme, die von Plotwendungen leben), sondern es aufheben, loeschen, resetten. Es sind Adjustment-Filme, die zwischen den Regisseur (den Chairman) und das Publikum graue Figuren schalten, die bei nie vorhersehbaren Plot-Points, langwierige Erklaerungen abgeben, damit die naechste Erzaehl-Phase halbwegs verstaendlich wird, vergleichbar den Intros zu Spiele-Leveln, die man sich in stumpfer Langweile anschaut.

Im digitalen Effektekino ist das Adjustment laengst etabliert, neu ist seine Adaption auf herkoemmliche Genres wie Thriller, Dramen oder Horrorfilme. Der paradigmatische Typus dieses neuen Kinos ist vielleicht Inception, der es ueber seine gesamte Laenge von zweieinhalb Stunden nicht schafft, mit dem Erklaeren seiner Grundidee zu einem Ende zu kommen. Selbst auf der Hoehe seines verschachtelten Finales entzieht er dem visuellen Geschehen jede Plausibilitaet und Nachvollziehbarkeit, indem er eine neue Ebene einzieht, von der vorher nie die Rede war und die voellig neue Voraussetzungen schafft. James Wans Insidious ist ein Beispiel fuer einen Adjustment-Horrorfilm, der, anstatt seine interessante Haunted-House-Exposition plausibel durchzudeklinieren, ploetzlich nerdige Ghostbuster ins Spiel bringt und ein Medium, das in schlechtester Adjustment-Manier einen Monolog ueber irgendein abstruses Jenseits abgibt, in dem sich nach Einfuehrung immer neuer Elemente ein sowohl raeumlich wie zeitlich nicht nachvollziehbarer Showdon abspielt.

TAB dekliniert das Adjustment-Modell fuer die Liebesgeschichte durch und produziert dabei am laufenden Meter Momente, in denen der Suspension of Disbelief, der den Vertrag zwischen Erzaehler und Zuhoerer moeglich macht, aufgehoben wird. Zufall oder goettliche Fuegung? Indem Damon und Blunt wider alle Anstrengungen der grauen Maenner des Adjustment Bureau fuer ihre Liebe kaempfen und dem Chairman von der Schippe springen, landen sie nicht in der Freiheit, sondern im Gefaengnis der Idee einer schicksalhaften Liebe, an deren Erfuellung der Film von Anfang an keinen Zweifel laesst. Auf der Strecke bleibt bei dieser Art programmierten Erzaehlens neben dem Humor (er wuerde die gesamte absurde Konstruktion sofort zum Einsturz bringen) jede Plausibilitaet des Handelns der Figuren und deren moralische Integritaet. Die Behauptung des Films, dass Emily Blunt eine ganz besondere Frau ist, die fuer ihr Glueck den Mut aufbringt, die Seitentueren und Wurmloecher des Schicksals zu durchqueren, wird ad absurdum gefuehrt in der Figur von Damons Nebenbuhler Adrian, den sie an seinem Hochzeitstag auf dem Standesamt stehen laesst. Da sie ihm genau dieselben zaertlichen Worte gesagt haben wird wie Damon und auch ihm die ewige Liebe geschworen, ist sie fuer mich nur eine dumme Goere, das sich nicht entscheiden kann.

Es gibt nicht zu entscheiden in Adjustment-Filmen. Es steht nichts auf dem Spiel, denn dessen Karten werden staendig neu gemischt. Solche Filme sind fuer mich nur zu ertragen, wenn ich mich, Walter Benjamin befolgend, an den kleinen Sprung in der Katastrophe klammere, d.h. mich leidenschaftlich fuer eine Figur interessiere und ihr die Daumen druecke, auch wenn sie vom gnadenlosen Plot-Chairman nur kurz ins Rampenlicht gerueckt wird. Adrian!

28 April 2011

Die verrückten Herren

Zombie No. 1 (Night of the Living Dead)

1968 wurde das erste moderne Exemplar gesichtet: Es handelte sich um einen bleichen Mann mit ungelenken Bewegungen, der auf einem Friedhof ein Geschwisterpaar angriff. Der Überfall kam aus heiterem Himmel, am hellichten Tag, und der Mann war allein. Ein seltener Fall. Denn die modernen Zombies, das machte George R. Romeros Horrorklassiker Die Nacht der lebenden Toten unmissverständlich klar, vermehren sich rasend schnell. Und das im doppelten Sinne: Zum einen sorgt die kurze Inkubationszeit nach einem Biss für rasche Ausbreitung der Untoten, zum anderen wirkte Romeros Werk selbst wie ein hochinfektiöser Erreger, der eine ganze Welle von Zombiefilmen nach sich zog.

Über 40 Jahre später ist die Epidemie noch nicht abgeklungen. Mit der erfolgreichen US-Fernsehserie The Walking Dead sind Zombies vor Kurzem Primetime-fähig geworden, akademisch sanktioniert sind sie schon lange. Im Rahmen des Kongresses „Die Untoten“, der sich drei Tage lang mit der durchlässig gewordenen Grenze zwischen Leben und Tod beschäftigt, haben Georg Seeßlen, Markus Metz und Jan Fangmeier ein Filmprogramm zusammengestellt, in dem man Vorläufern und Nachfolgern von Romeros bleichem Friedhofs-Wiedergänger begegnen kann.

Bela Lugosi’s Undead (White Zombie)

Schon das Doppelprogramm zum Auftakt macht das Spannungsfeld der Interpretationen sichtbar, in dem die Figur des Zombies sich bewegt. Jean Rouchs von ihm selbst als „Ethno-Fiktion“ bezeichneter Les maitres fous (1955) dokumentiert ein Ritual des religiösen Kultes der Hauka. Zu sehen sind in Ghana ihr Geld verdienende nigerianische Wanderarbeiter, die am Stadtrand von Accra für einen Nachmittag in die Rollen des Gouverneurs, des Richters, des Lokomotivführers und anderer französischer Kolonialherren schlüpfen. Mit rollenden Augen, schäumenden Mündern und Marionetten-Bewegungen führen sie etwas auf, bei dem es sich Rouch zufolge um kein Stück handelt, keine Satire, sondern um ein echtes Anders-Werden, eine psychischen Stress abbauende Aneignung der Besatzerpositionen.

Wer also sind die „verrückten Herren“? Die schwarzen Hauka-Männer, die Rouch am Ende als in die Kamera lächelnde Arbeiter zeigt? Oder vielleicht die Kolonialherren, die in einer Sequenz in einer pompösen Parade durchs Bild ziehen? Auch in Victor Halperins Klassiker White Zombie (1932) erscheinen die Untoten als Figuren, in denen das unmenschliche System der kolonialen Ausbeutung bis zur grausigen Kenntlichkeit gesteigert ist. In der eindrucksvollsten Szene des auf Haiti spielenden Films sieht man die gigantische Papiermühle des Fabrikanten Legendre (Bela Lugosi), in der von ihm wiederbelebte Inselbewohner mit stumpfen Blick die Räder drehen. „Sie arbeiten – und sie beschweren sich nicht über Überstunden“, erklärt Legendre.

The Mystery Man: Herk Harvey (Carnival of Souls)

Der Zombie als Inbegriff äußerster Ausbeutung und zugleich als Verkörperung des Widerstands, der Rückkehr des Unterdrückten – genau diese Offenheit macht die Figur für Künstler so interessant. Ob in Form schwuler Wiedergänger (Otto or Up With Dead People von Bruce LaBruce), untoter Nazi-Schergen (Shock Waves von Ken Wiederhorn, Dead Snow von Tommy Wirkola) oder künstlicher Retortenmenschen (Im Schatten der Made von John Bock), die Zombies sind bei all ihrer Fleischeslust herrliche Allegoriemaschinen, die ständig neue Bedeutungen hervorbringen. Manchmal, wenn sie alleine bleiben und sich nicht zu großen Rotten zusammenschließen, kann man sich richtig verlieben in einzelne Untote. Zum Beispiel in die Orgelspielerin Mary Henry, die in Herk Harvey schönem Carnival of Souls durch Salt Lake City und einen verfallenen Musikpavillon am Großen Salzsee streift und von der endgültigen Einsamkeit träumt. Dabei hat sie sie schon lange gefunden.

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Der Kongress „Die Untoten – Life Sciences & Pulp Fiction“ findet vom 12. bis 14 Mai auf Kampnagel statt. Informationen zum begleitenden Filmprogramm im Alabama-Kino finden sich hier

11 April 2011

Der Monarch in seinem Reich

„In Deutschland, wo viele Menschen leben, arbeiten und es schwer haben, mit ihren Gefühlen zurechtzukommen, sucht ein Mann nach Zärtlichkeit und Liebe. Auf dieser Suche wurde er so schwer verletzt, dass er beschloss, in Zukunft keinem Menschen mehr zu trauen. Monarch ist Jahrgang 1939. Er ist einer aus der Generation, die im Krieg geboren und nach der Niederlage zur Schule gegangen sind. Nach der kleinkarierten Verbissenheit der Nazis kamen die Amis mit Kaugummi, Rock’n’Roll, Nylons, Coca-Cola und dem Einarmigen Banditen. Immer mehr Menschen arbeiteten an Maschinen und in Fabriken. Da sagte sich Monarch: Wenn ich schon an einer Maschine arbeiten soll, dann an einer, mit der ich spielen kann.“ (Einleitender Off-Text zu Monarch von Manfred Stelzer und Johannes Flütsch, 1978/79)
In dem Dokumentarfilm Monarch wird man Zeuge, wie beim Spiel an Automaten eine Utopie wahr wird, die aus ihrem realen Pendant, der industriellen Erwerbsarbeit, damals schon weitgehend verschwunden ist: dass ein Mann durch die präzise Koordination von Hand und Auge ein existenzsicherndes Auskommen gewinnen kann. Der Mann heißt Diethard Wendlandt, die Automaten waren Mint- und Mint-Super-Geräte, deren Münz-Gehalt er am Fallgeräusch eines Fünf- oder Zwei-Mark-Stückes erkennen und die er dann innerhalb einer Stunde durch perfekt getimtes Drücken der Stopp-Taste leerräumen konnte.


Nicht nur in seinem poetisch-präzisen Off-Kommentar, sondern auch in seinem genauen Blick auf die Wirklichkeit der BRD Ende der 1970er-Jahre ist Monarch verwandt mit den Filmen von Harun Farocki, in dessen Wie man sieht (1986) man verfolgen kann, wie erst die schaffende Hand des Arbeiters und im Zuge der weiteren Rationalisierung auch sein prüfendes Auge im industriellen Herstellungsprozess überflüssig gemacht worden sind. Der Monarch selbst ist ein Bruder im Geiste des von Farocki porträtierten Schriftstellers und Schmieds Georg K. Glaser, ein Künstler und Arbeiter zugleich. Beide verdienen ihr Brot mit präzise koordinierter Hand-Auge-Arbeit, in der ein außerordentliches Wissen über das bearbeitete Material respektive die bespielte Maschine aufgespeichert ist. Sterbende Künste beides, das Kupferschmieden nach Dinanter Tradition und das Spiel an den nach und nach durch eine neue Generation von Automaten ersetzten Mints. Handwerke, für deren Weitergabe sich kein zahlungskräftiger Schüler mehr findet. Glaser und Monarch herrschen selbst über ihre Arbeit und ihren Arbeitsplatz, die letzten Souveräne innerhalb der heraufdämmernden Dienstleistungsgesellschaft.

„Eines Tages sagte der Automat zu ihm:
Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit.
Ich muss dir Geld geben, denn das ist alles, was ich kann.“


Handelt es sich um eine Doku oder ein Mockumentary? Ist eine solche Beherrschung des Apparats möglich? Im Forum des Goldserie e.V. – 1. Deutscher Verein der Münzspielfreunde wurden diese Fragen kontrovers diskutiert. Einige wollen ihm begegnet sein und bei der Arbeit zugeschaut haben, andere bezweifeln die Existenz des Monarchen und halten ihn für eine Erfindung. Gerade die Unwahrscheinlichkeit seiner Figur benutzt der Film geschickt für sein Porträt einer Gesellschaft, in der ein selbstbestimmtes Leben unmöglich geworden zu sein scheint. Die Souveränität des Monarchen lässt die Tristesse des ihn umgebenden Kneipen-Lebens umso deutlicher hervortreten.

„Um das Ziel, das Schlaraffenland zu erreichen, muss Monarch
sich durch einen Berg von deutscher Freizeit fressen.“


Gerne hört man den Ausführungen des Monarchen über seine Träume und Ziele, aber auch über seine Einsamkeit und die Härten seiner Betätigung zu, die im Verlaufe des Films mehr und mehr wie die Arbeit eines jeden Kleinunternehmers klingt, dem die laufenden Kosten (Maßanzug, Hotelzimmer, die Entlohnung seiner Untergebenen, der sogenannten „Geier“) über den Kopf wachsen. Wegen des schweren Münzgeldes im Kofferraum bricht die Achse seines Mercedes, eine Szene, die Christian Petzold in Jerichow verwendete (Petzold über Monarch: „Dieser Film traf damals unsere Weltwahrnehmung“; Jerichow läuft am Mittwoch, 13.4. um 22 Uhr auf Arte). Das Freizeitvergnügen wird zur Vollzeitarbeit, die jedes Freizeitvergnügen unmöglich macht. Um die Existenz für die Ruhestands-Zeit zu sichern, wenn sämtliche Mints aus den Kaschemmen der Republik verschwunden sind, wird für den Moment auf die Liebe und jede Form lebenswerter Existenz verzichtet.



Analog zum Bankraub lässt sich über das Glücksspiel vielleicht als eine klassenspezifische Form des Gelderwerbs nachdenken, in deren Praxis sich bestimmte Elemente realer Arbeit wiederfinden:

1. Automaten (Einarmiger Bandit, Mint), Glücksspiel der Arbeiter: Bedienung einer Maschine, nur ein kleiner Teil von Körper und Geist ist gefordert. Reste von Hand-Auge-Koordination, Reaktion auf wiederkehrende akustische und optische Reize. Jeder spielt für sich allein, keine Kooperation, kein Bewusstsein für Arbeitsteiligkeit. Kleine Einsätze, kleine Verluste, geringe Verdienstmöglichkeiten. Zigaretten, Bier und Sol-Eier. Bevorzugter Ort: Nachbarschaftskneipe. Münzgeld.


2. Poker, Glücksspiel für Angestellte, von den untersten Positionen bis zum mittleren Management: gemeinschaftliches Spiel mit der zugrundeliegenden Idee, dass alle die gleichen Chancen haben. Selten verwirklichter Traum, nach oben zu kommen, häufig verwirklichte Ängste, abzustürzen und alles zu verlieren. Utopie der Beherrschbarkeit, die sich vor allem aus buchhalterischen und statistischen Kalkulationen speist und aus dem Glauben, dass, wenn man es vorsichtig betreibt, man leben kann von dem Spiel. Höhere Einsätze und Verluste. Joviale Atmosphäre, die Rivalität und Missgunst nicht immer überdecken kann. Möglichkeit zu Gespräch und Kooperation (nicht häufig genutzt). Whisky und Zigarren, Big-Boss-Simulation. Münzgeld, Scheine oder Chips.

3. Roulette und andere Spielcasino-Vergnügungen mit hohen Einsätzen, Glücksspiel für die Reichen: Spiel als reine Spekulation, die mit mildem Desinteresse, aber in perfekter Abendgarderobe verfolgt wird. Die wirklich wichtigen Gespräche und Deals finden abseits der Tische statt. Aufmerksamkeit, Koordination, Systeme sind unnötig, dienen nur der Würze des sonst allzu faden Spiels. Cocktails. Chips.

Mit Dank an docfish, der mich auf Monarch aufmerksam gemacht hat.

04 April 2011

Apocalypse Forever

„Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es ,so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene. [...] Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe.“ (Walter Benjamin, „Zentralpark-Thesen“)

„Die Katastrophe ist die reinste Form von Ereignis und dabei aber ereignisreicher als das Ereignis. Sie ist das folgenlose Ereignis, das die Welt in der Schwebe hält.“ (Jean Baudrillard, Die fatalen Strategien)

„Die Katastrophe ist ein schwarzes Blatt – Wir buchen sie – und überschlagen die Seite.“ (Die schwarzen Herren in Georg Kaisers Gas I)
Dass in unserer Ära des ressourcenverschlingenden globalen Massenkonsums von Bildern und Energien Katastrophen die Kraft verloren haben, ganze wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche Systeme in eine neue Richtung zu lenken, ist mittlerweile ein alter Hut. In der Arbeit Die Permanente Katastrophe in Theorie und Literatur. Versuch einer Begriffsbestimmung, aus der die obigen Zitate stammen, lässt sich nachlesen, wie schon der expressionistische Dramatiker Georg Kaiser in seinen beiden Denkspielen Gas I (1918) und Gas II (1920) ein alle Menschen instrumentierendes Wirtschaftssystem bis zu einem Ende denkt, das kein Ende mehr kennt. An diesem Ende ist die Katastrophe kein das System infrage stellendes Ereignis mehr, sondern ein weiterer Bilanz-Posten, den die schwarzen Herren des oberen Managements abbuchen, um danach wie zuvor weiterzuproduzieren. Für die Figuren Kaisers ist weder eine Gas-Explosion die wahre Katastrophe noch ein apokalyptischer Krieg, sondern der Stillstand jenes Systems, das allen Menschen ihre Funktion und damit ihren Wert zumisst. Zum Beispiel dem Schreiber, der an einer Stelle von Gas I erklärt: „Der Anspruch der ganzen Welt wird dringend. Der Vorrat ist in nächster Zeit erschöpft. Fehlt Gas--! [...] Sie müssen die Forderung der Arbeiter erfüllen – sonst kommt erst die ungeheuerlichste Katastrophe!“

Akira ist …

In der an Untergangs- und Zerstörungsfantasien reichen Filmhistorie Japans stellt Katsuhiro Otomos Akira wohl die konsequenteste Vision einer Katastrophe in Permanenz dar. „Akira ist … die totale Energie“, ist die einzige Erklärung, die man im Film zu der ominösen Kraft erhält, die sich anscheinend nur in den Körpern von Kindern und Heranwachsenden voll entfalten kann und die die Regierung unter Kontrolle zu bringen trachtet. Man kann das Wort „Akira“ durch alle möglichen über das menschliche Maß hinausgehenden, in der Sphäre des Restrisikos angesiedelten Energieformen und Technologien ersetzen und liegt immer richtig damit. Akira ist Atomkraft, Gas, ein neues Waffensystem, aber es ist auch jenseits der Worte, unkontrollierbar, zerstörerisch und erschaffend zugleich, die reine Transformation.

Akira ist ganz diesem katastrophischen Potenzial von Energien gewidmet, an deren Unkontrollierbarkeit nie ein Zweifel gelassen wird. Schon die Motorrad-Verfolgungsjagden durch Neu-Tokio am Anfang des Films beziehen ihren Reiz nicht aus der Narration, sondern dem schmalen Grat zwischen Beherrschbarkeit und Unbeherrschbarkeit einer Maschine. Die letzte Dreiviertelstunde ist dann die Apotheose der permanenten Transformation, für deren Gestaltung das Medium des Zeichentrickfilms wie keine andere Kunstform geeignet ist. Das Innerste der Körper und Welten wird nach außen gekehrt, Neu-Tokio in Schutt und Asche gelegt und ein neuer Kosmos geboren. Für diese Ästhetik explodierender Formen, körperlicher Metamorphosen und in wunderschöne Farben getauchter Zerstörungen fällt mir in der Geschichte des Kinos kein Äquivalent ein. Am Ende steht auf der Leinwand: „Es hat gerade erst begonnen.“

… die totale Energie

Während im Fernsehen die Bilder der realen Katastrophe in einer Endlosschleife laufen, verschwinden die Bilder von fiktionalen Katastrophen aus allen Kanälen. Das ZDF ersetzte Jerry Lewis’ The Nutty Professor durch den TV-Film Die Heilerin, in der Schweiz, Österreich und Deutschland werden alle Simpsons-Folgen abgesetzt, in denen Homer bei der Arbeit im AKW zu sehen ist, und statt seines neuen Hörspiels Green Frankenstein lief letzte Woche Jörg Buttgereits Der kleine Drache auf WDR 3. Darf Bizarre Cinema also einen Film namens Panik im Tokio-Express zeigen? Es darf und muss. Weil das Leben eben nicht die Kunst nachahmt und die Kunst auch nicht das Leben. Es sind verschiedene Sphären, die manchmal verdammt ähnliche Bilder hervorbringen. Über diese Ähnlichkeiten, aber auch über die großen Unterschiede sollte man sprechen – und man sollte gesehen haben, worüber man spricht.

Sonntag, 10. April, 15.30 Uhr im B-Movie: Panik im Tokio-Express
Japan 1975, 94 Min., 35mm, DF, Regie: Junya Sato
Sinkt die Geschwindigkeit unter 80 Stundenkilometer, explodiert die Bombe ... Nein, das ist nicht Speed mit Keanu Reeves und Sandra Bullock, sondern ein heute fast vergessener Genreklassiker mit Ken Takakura (dem japanischen Clint Eastwood) und Kultstar Sonny Chiba. Der Plot: Ein Gangstertrio erpresst die Bahn um fünf Millionen Dollar und schickt dafür eine Bombe auf Reisen. Kritiker warnten davor, der Film könne echten Gangstern als Anleitung dienen – doch DIESE Katastrophe trat nie ein: Die japanische Bahn wurde nie um eine Million Dollar erpresst, kein Passagierzug wurde ohne Stopp und Bremse über die Gleise gejagt, kein Frachtzug in die Luft gedonnert. Freuen Sie sich auf ein dramatisches Krimiabenteuer im echten 35mm-Kinoformat und superbreiten Toeiscope – nicht im 152-Minuten-Original, auch nicht im internationalen 115-Minuten-Cut, sondern in der treudeutschen 94-Minuten-Fassung!
Text und Einführung: Peter Clasen

Freier Eintritt für alle! Bringt eure Freunde, Tanten und Onkels mit, damit die Hütte noch mal richtig voll wird.

26 März 2011

Lindy Dada Hop & Surrealistic Jitterbug

Der amerikanische Filmsammler, Hobo und Jitterbug-Tänzer Dennis Nyback kommt ein weiteres Mal nach Hamburg und präsentiert Schätze aus seiner Sammlung seltener 16mm-Filme. Am Samstag, den 2. April, zeigt er Filme, in denen der klassische Swingtanz Lindy Hop zelebriert wird, am Sonntag, den 3. April, weist er anhand von Filmausschnitten den Einfluss von Dada und Surrealismus auf Hollywoodproduktionen der frühen 1930er-Jahre nach (das detaillierte Programm findet sich weiter unten). The Wayward Cloud hat Dennis Nyback dazu ein paar Fragen gestellt.


The Wayward Cloud: What ideas, images, maybe even political concepts did Hollywood take of Dada and Surrealism respectively?

Dennis Nyback: It is wrong to say Hollywood took all of that. It was more some specific people in Hollywood adopted ideas, images and political concepts from Dada and Surrealism. It also didn’t last that long, at least the era where surrealistic scenes were dropped into films with no framing device or explanation. That era was mainly 1932 to 1934. The idea of dreamlike unreality was used by Busby Berkeley in dance numbers and at Paramount in films featuring W.C. Fields or directed by Rouben Mamoulian, Ernst Lubitsch or Frank Tuttle. Images are a little harder to pinpoint. There are composition elements in the look of Lubitsch films that come from Europe, but then so did Lubitsch. There appear to be specific images taken from Luis Bunuel, Rene Clair and Man Ray in the Busby Berkeley numbers from the movie Dames (1934). Dada, which it needs to be understood came out of the senseless carnage or WW I, with a rejection of all bourgeois values, is most present in the humor of The Marx Brothers and, coincidentally or not, W.C. Fields. The specific anti-war political concept of Dada is clearly stated in the Marx Brothers’ Duck Soup (1934) and Rouben Mamoulian’s Love Me Tonight (1932).

Ruby Keeler x 16 in Busby Berkeleys Dames

Besides the visual analogies and references, are there any documented statements, texts, interviews by Hollyood directors/writers/actors/producers which openly acknowledge the Dada/surrealist influence?

As far as I know, no. So far I seem to be the only person who has noticed. There was a book published thirty years ago, that I have, on Hollywood and Surrealism, but it takes a more narrow definition of Surrealism and picks a few movies other than ones I have chosen. It does talk about Buster Keaton.

Why was Buster Keaton so admired by the surrealists?

I think the Surrealists saw in Buster Keaton’s art that he always played a man interacting in a world one step removed from himself. Buster had an existential aura around him as though he was not so much taking part in reality or nature, but battling against it, sort of one man against the universe. I guess I should explore more fully just what the Surrealist said about him.

Groucho Marx x 2 in Leo McCareys Duck Soup

Were any members of the original surrealist movement involved with Hollywood productions of the time?

The American Dudley Murphy was in Europe in the Twenties and worked with Fernand Leger on Ballet mechanique. He was in Hollywood starting in 1928 and made features including The Emporer Jones in the early Thirties. I don't believe any of the European Surrealists or Dadaists came to Hollywood that early and don't have time to look it up right now.

Why were the so many surrealist scenes in Paramount movies?

It could be Surrealism at Paramount came from Ernst Lubitsch, W.C. Fields and Louise Brooks. W.C. Fields worked with Louise Brooks and was a friend of hers. So was Frank Tuttle, who directed her both before and after her going to Europe. It could be when she came back to Hollywood after making Pandora’s Box she brought some Surrealist ideas with her that she shared with her friends. W.C. Fields also appeared in Europe in vaudeville. His friend the director Eddie Sutherland worked with Fields in the silent era and also directed Fields in International House. Eddie Sutherland was also married to Louise Brooks from 1926 to 28.

W.C. Fields (es kann nur einen geben)
in Eddie Sutherlands International House


Much of the scenes in Hollyood movies of the early 1930s which have a surrealist touch to them refer back to the beginnings of cinema itself: vaudeville, slapstick, musical numbers, unexplained visual extravaganzas. Where do you see the differences/parallels between these venerable art forms and the more modern concerns of Dada and Surrealism?

Most of the unexplained visual stuff was in very early cinema and was abandoned by 1920. It is incorrect to say Vaudeville included Surrealism and Dada. There was in Vaudeville a platform for the rejection of reality. It is more that the adherents of those in Hollywood mainly came out of Vaudeville. The original Dada and Surreal artists also were influenced by theater and vaudeville. Slapstick does not really have the absurdity and political viewpoint of Dada. Both Dada and Surrealism were established before any musical numbers were used in films.

Did the enforcement of the Hays Code since 1934 have any impact on the surrealistic content of Hollywood movies?

I don’t think directly, but then it did tamp down art expression in general and the willingness of directors to stretch limits.

Who is the most surrealistic Hollywood artist of the time?

In the visually artistic way it was Busby Berkeley. In theoretical or political way it was W.C. Fields.

Would you call Hellzapoppin a surrealist film? And can you say anything about the incredible Lindy Hop scene, how it was conceived?

Yes, it has elements of both Surrealism and Dada. I have no idea how the Lindy Hop scene got into it. People who I have shown the Lindy scene have asked me if the action had been sped up by the camera. Those people think that what they are seeing is not realistically possible.

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Samstag, 2. April: Eine Nacht im Savoy

Gemeinsam mit der Swingwerkstatt Hamburg wirft das Metropolis-Kino einen filmischen und musikalischen Blick zurück auf die Anfänge eines Tanzes, der in den 30er-Jahren in den afroamerikanischen Clubs von New York entstand: der Lindy Hop. Eine besondere Bedeutung kam dem Savoy Ballroom in Harlem zu, der für alle Bevölkerungsschichten und Hautfarben offen war, ein Schmelztiegel verschiedenster Tanzkulturen, in dem sich der Lindy Hop zu einer besonderen Attraktion entwickelte. Nachdem Lindy Hop jahrelang überwiegend von der schwarzen Bevölkerung getanzt wurde, adaptierten ihn zunehmend auch die Weißen: Erst dann konnte und durfte er populär werden und bekam den Namen „Jitterbug“. Heute ist Lindy Hop einer von vielen Swingtänzen, die sich eines weltweiten Revivals erfreuen und auch in Hamburg eine rege Fan-Gemeinde haben. Im Anschluss an die Filmvorführungen ab 22 Uhr findet im Foyer des Kinos eine Swing-Party statt.

Yummy! Gebratene Girls in H.C. Potters Hellzapoppin

18 Uhr: Hellzapoppin, USA 1941, Regie: H.C.Potter, 84 Min.
Mit: Ole Olsen, Chic Johnson, Whitey’s Lindy Hoppers
Diese Adaption einer legendären Broadway-Show gehört bis heute zu den schrägsten Filmen aller Zeiten. Entlang des immer wieder verlorenen roten Fadens einer konventionellen Liebesklamotte begleiten die Komiker Ole Olsen und Chic Johnson in wechselnden Kostümen die Versuche einer Filmcrew, den Film im Film Hellzapoppin fertigzustellen. Neben einem erstaunlich modernen Meta-Kommentar zur Illusionsmaschine Hollywoods ist diese Anarcho-Komödie aber vor allem ein Fest des exzessiven Kinomoments, des Slapstick, des überkandidelten visuellen Einfalls – und des Tanzes. Neben leicht bekleideten Damen an Bratspießen, Synchronschwimmern, einem sprechenden Bär auf einem Hüpfstab und vielen weiteren surrealen Gags bleibt vor allem die Sequenz in Erinnerung, in der die Whitey’s Lindy Hoppers den spektakulärsten Lindy Hop aufs Parkett legen, der je auf Zelluloid gebannt wurde. Choreografiert wurde er von Frankie Manning, dem legendären „Botschafter des Lindy Hop“, der 2009 im Alter von 94 Jahren gestorben ist.

20 Uhr: Dennis Nyback präsentiert: Lindy Hop and Jumpin’ Jazz and Jitterbug
Aus der Schatzkiste seiner Sammlung seltener 16mm-Filme hat Dennis Nyback ein Programm zusammengestellt, das die ganze Bandbreite zeitgenössischer Swing-Tanzstile aufzeigt. Zu sehen sind berühmte und rare Filme, in denen einige der besten Tänzer und Musiker der 30er- und 40er-Jahre sich die Ehre geben. Jammin’ the Blues (1944), mit den Tänzern Marie Bryant und Archie Savage und Musikern wie Lester Young und Sweets Edison, gilt als einer der besten Jazzfilme aller Zeiten. Im erstaunlichen Finale von Stormy Weather sind die Nicholas Brothers, Katherine Dunham Dancers, Bill Robinson, Cab Calloway und Lena Horne zu sehen, in weiteren Soundies fegen Tänzer wie Hal Le Roy, Grace MacDonald und Wesley Adams über das Parkett. Und der großartige Jazz Dance (1954) dokumentiert das wilde Treiben in einer New Yorker Dance Hall, in der die Tänzer Al Minns und Leon James sowie die Musiker Jimmy McPartland, Willie „The Lion“ Smith, Jimmie Archey, George Wettling und Pee Wee Russel den Lindy Hop zelebrieren. Es darf auch im Kinosaal getanzt werden! Dennis Nyback, selbst begeisterter Jitterbugger, wird eine Demonstration seiner Kunst geben.

Sonntag, 3. April: Der surrealistische Sonntag


19 Uhr: Dennis Nyback präsentiert:
The Effect of Dada and Surrealism on Hollywood Movies of the 1930s

In den frühen 1930er-Jahren war Hollywood nicht nur eine perfekt laufende Illusionsmaschine, die die darbende Bevölkerung von den Entbehrungen der Depressionszeit ablenkte, sondern auch Produktionsstätte vieler erstaunlich anarchischer und ambivalenter Filme. Der Filmsammler Dennis Nyback weist in diesem Programm anhand von Spielfilm-Ausschnitten nach, dass sich damals auch viele Regisseure, zum Beispiel Leo McCarey, Ernst Lubitsch und Busby Berkeley, stark von Dada und Surrealismus beeinflussen ließen. Vor allem in Produktionen der Paramount finden sich unvermittelt eingebette surreale Sequenzen, etwa im Bing-Crosby-Film The Big Broadcast oder in Komödien mit W.C. Fields. Aber auch in Filmen der MGM wie etwa dem Marx-Brothers-Meisterwerk Duck Soup und in den von Warner Bros. produzierten Musicals von Busby Berkeley finden sich erstaunliche Reminiszenzen an Künstler wie Man Ray, Luis Bunuel und Salvador Dalí, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren haben.

Buster Keaton kocht sich ein Ei in The Navigator

21 Uhr: The Navigator, USA 1924, Regie: Buster Keaton, Donald Crisp, 59 Min.
Mit: Buster Keaton, Kathryn McGuire, Fredrick Vroom
Vorfilm: One Week, USA 1920
Von allen Regisseuren der 1920er-Jahre erfuhr Buster Keaton die größte Bewunderung durch die Surrealisten. An jedem seiner bis ins letzte wahnwitzige Detail ausgeklügelten Werke kann man erkennen, warum das so ist: Nirgends ist die Ding-Welt dermaßen außer Rand und Band geraten, niemand sonst versucht sie mit solch stoischem Gleichmut in ihre Schranken zu weisen. In The Navigator treibt Keaton als Millionärssohn mit seiner Verlobten an Bord eines verlassenen Ozeandampfers auf hoher See. Die für Tausende von Passagieren geschaffenen Räume und Apparaturen offenbaren hier ihre abgründig-surreale Kehrseite, nachts macht sich an Bord gespenstische Stimmung breit, Türen öffnen sich wie von Geisterhand, unheimliche Musik weht über die Decks. Zu den tollsten Szenen gehören die Versuche des Paares, sich in der Bordküche mit ihren überdimensionierten Töpfen, Pfannen und Bestecken ein Frühstück zuzubereiten. In One Week versuchen Keaton und Sybil Seely, mithilfe einer Bedienungsanleitung ein Eigenheim zu errichten, und lassen sich dabei weder von einem falsch aufgesetzten Dach und drehenden Wänden noch von außen angebrachten Sanitäranlagen, Wirbelstürmen, dehnbaren Decken und einem tonnenschweren Klavier unterkriegen.

16 März 2011

Ein Maler des Deutschen Reiches

HEINO JAEGER
Malerei Zeichnungen Druckgraphik
Eröffnung Freitag, den 18. März 2011, um 20 Uhr
Es spricht Joska Pintschovius
Dauer der Ausstellung bis 15. April 2011
Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung
Galerie Christian Zwang
Paulinenallee 28, Hamburg-Eimsbüttel


Die folgenden Interviews mit Joska Pintschovius, Frank Schulz und Rocko Schamoni sind zuerst in der taz nord vom 14. Januar 2008 erschienen.

The Wayward Cloud: Joska Pintschovius, wann sind Sie Heino Jaeger zum ersten Mal begegnet?

Joska Pintschovius: Das war Mitte der 60er-Jahre in Schleswig, wo wir beide beim Landesmuseum arbeiteten. Er schlich damals immer mit einem urtümlichen Mantel durch die Flure, der aus Krankenhausdecken während des Krieges gemacht worden war. Irgendwann gingen wir dann mal gemeinsam essen. Er wohnte in einem evangelischen Stift und bei den ersten Treffen erzählte er von seinem Nachbarn, der in seinem Raum ständig auf und ab ging und sagte: „Ist das schrecklich.“

Er machte damals schon die Menschen nach?

Das ging wohl schon in der HfbK los. Seine Kommilitonen scharten sich um ihn, weil er Leute nachmachte oder Stegreifgeschichten erzählte. Sein Professor Alfred Mahlau, der sonst großen Einfluss auf seine Schüler nahm, hielt sich bei Jaeger völlig zurück, weil er wohl mit seinem Stil und seiner Person nichts anfangen konnte.

Welche Wirkung hatte Jaeger auf Menschen?

Der normale Bürger war verunsichert von ihm. Man konnte ihn nicht in die Künstler-Schublade stecken, denn er führte sich nicht auf wie einer. Er sprach ganz normal mit einem, aber plötzlich schwante einem: Der verarscht dich doch. Das war Jaeger selbst gar nicht bewusst. Ich war diesem Mann richtiggehend verfallen, weil er unglaublich amüsant war. Man lernte durch ihn, die Umgebung genauer zu beobachten – wir nannten uns „die Röntgengeräte“. Das war zum Teil qualvoll, aber auch sehr bereichernd. Diese Genauigkeit, auch in seinen Kritiken und Urteilen, verunsicherte die Menschen.

Wie setzte er seine Beobachtungen künstlerisch um?

Im Grunde war er der begabtere Maler. Am Anfang stand bei ihm die Aufnahme visueller Eindrücke, die er hinterher genau wiedergeben konnte, er hatte die Gabe eines Eidetikers. Er malte also nicht nach der Natur, sondern nach dem, was er sich im Kopf zusammengestellt hatte. Bei diesem Vorgang entstanden dann auch die Geschichten. Sie sind keine Satiren, keine Kabarett-Texte, sie sind noch nicht mal komisch im eigentlichen Sinne, es sind wiedergegebene Bilder.

Arbeitete Jaeger an seinen Geschichten?

Überhaupt nicht, sie entstanden spontan und er hat sie auch nicht aufgeschrieben. Das kam erst später, als er anfing, für den Rundfunk zu arbeiten. Am witzigsten sind aber seine Stegreifgeschichten, die manchmal nur so aus ihm heraussprudelten. Ich habe einige davon mitgeschnitten, die müssen unbedingt auch noch veröffentlicht werden.

Was inspirierte Jaeger?

Merkwürdige Typen, Monomanen, Spinner. Mit denen kamen wir ja aufgrund der Museumsarbeit oft in Berührung, wir besuchten sie und sahen und hörten ihnen zu. Bei vielen Figuren der Sendung Dr. Jaeger antwortet weiß ich genau, welche Menschen als Inspiration dienten. Nur dass sie Jaeger sie miteinander zu neuen und noch viel abstruseren Figuren verband.

Wonach suchten Sie auf ihren vielen gemeinsamen Reisen?

Es ging um Stimmungen. In Paris, London oder Belgien suchten wir nur ganz bestimmte Gegenden auf, wir fuhren nur mit bestimmten Zügen. Die Gründerzeit um 1900 war für uns der Höhepunkt der europäischen Kultur. In diese tauchten wir stimmungsmäßig ein und beklagten die Nachkriegspopeligkeit der Deutschen.

Warum ist Heino Jaeger nicht längst berühmt?

Seine Zeitgenossen waren durch ihn verunsichert, wahrgenommen wurde er nur von Künstlern, die damals schon seine Bilder kauften oder seine Komik schätzten, zum Beispiel Loriot, Knut Kiesewetter oder Hanns Dieter Hüsch. Richtig entdeckt wurde er erst durch die nächste Generation, die ihn selbst nicht mehr persönlich kannte, also Leute wie Frank Schulz und Olli Dittrich. „Dittsche“ ist eine eindeutige Jaeger-Figur. Seitdem Man glaubt es nicht heraus ist, melden sich auch viele junge Jaeger-Fans bei mir. Ich bin immer verblüfft, wie genau sie in Kunst und Leben Jaegers bewandert sind.


The Wayward Cloud: Frank Schulz, wann haben Sie Heino Jaeger für sich entdeckt?

Frank Schulz: Zum ersten Mal habe ich ihn in den 70er-Jahren im Radio gehört. Ich weiß nicht, ob ich damals noch zu jung war oder zu dumm, aber da hat es noch nicht gezündet. Dann gab es eine zweite Stufe Anfang der 80er, als mir ein Freund ein Jaeger-Stück auf Platte vorspielte. Da war ich schon viel interessierter, bin dem aber nicht weiter nachgegangen. Die dritte und entscheidende Stufe kam 1991. Ein damaliger Kollege von mir war ein Riesenfan von Jaeger, was auch bei mir zu einer Verehrung geführt hat, die seitdem nicht wieder aufgehört hat.

Gab es damals noch viele andere Fans?

Es gab einen kleinen Zirkel, in dem seine vergriffenen Platten und Kassetten mit Aufnahmen von ihm weitergereicht wurden. Sobald einer Feuer fing, ergab sich sofort ein Kontakt zu einem anderen Jaeger-Fan, der wieder einen anderen kannte usw.

War das Publikum seiner Zeit zu beschränkt für den Humor Jaegers, wie Eckhard Henscheid behauptet?

Ich bin skeptisch, ob es gerechtfertigt ist, das damalige Publikum zu verteufeln, weil es an den falschen Stellen lachte. Vielleicht muss man, um Jaeger zu verstehen, erst mal in einen bestimmten Lach-Modus geraten. Es gibt ja keine klassischen Pointen bei Jaeger, da kann es schon passieren, dass man an anderen Stellen lacht als dort, wo die Lachreize gesetzt sind, wenn man sie so nennen kann. Nach dem, was ich über Jaeger gehört habe, war Jaeger auch toleranter mit seinem Publikum als Henscheid.

Was fasziniert Sie an Jaegers Umgang mit Sprache?

Gesprochene Sprache ist für mich etwas Vitales und Umfassendes, sie hat mit Libido und Schönheit und Heimat zu tun. Und Jaeger besaß die erstaunliche Fähigkeit, nicht nur den Inhalt, sondern auch den Ton gesprochener Sprache genau wiederzugeben. Er spulte sie nicht wie ein Aufnahmegerät ab, sondern berücksichtigte alle Aspekte des Gehörten mit und gab es durch Betonungen, Pausen, sanfte Übertragungen und leichte Verrückungen auf eine Art und Weise wieder, dass man manchmal vor lauter Begeisterung aus der Haut fahren möchte.

Hatte Jaeger einen Einfluss auf die Hagener Trilogie?

Es ist eigentlich nicht so, dass ich Jaeger gehört und daraufhin meinen Stil entwickelt habe, sondern dass ich in ihm den Meister dessen entdeckt habe, was ich sowieso schon immer tat. Als Kind, als ich mit einem Freund die Hagener Dorfhonoratioren nachäffte, und als Schriftsteller, als ich in Kolks blonde Bräute meine Figuren durch ihre Sprachgewohnheiten charakterisierte. Erst in Morbus fonticuli habe ich Heino Jaeger ganz bewusst als Leitmotiv eingearbeitet.

Was sehen Sie als Quelle von Jaegers Humor: seine Melancholie oder seine Lebensfreude?

Ich fürchte, dass lässt sich nicht trennen. Schließlich gibt es für Lach- und Weintränen auch nur eine Drüse.


The Wayward Cloud: Rocko Schamoni, hat sich Ihnen die Jaegersche Komik gleich beim ersten Hören erschlossen?

Rocko Schamoni: Ja, ich habe mich gleich in Jaeger verliebt. 1990 lieh mir ein Bekannter Vinyl-Weißpressungen mit Heino-Jaeger-Material. Als ich mir die anhörte, ging ich gleich an die Decke, so bizarre Hörspiele hatte ich nie zuvor gehört. Die Sachen waren aus seiner Spätphase, als er schon leicht verrückt war. Das war so abwegig und bar jeder Pointe, dass es niemals im Radio gelaufen wäre, und das gefiel mir.

Waren Sie dann enttäuscht, als Sie seine früheren Aufnahmen hörten?

Hätte ich ihn in den 70ern über seine Radiosendungen kennengelernt, hätte ich ihn wohl für einen ganz normalen Gagvogel gehalten, einiges ist ganz eindeutig NDR-Humor von 1978. Aber auch viele seiner älteren Sachen sind absolut zeitlos. Wenn er groteske Situationen nimmt und sich dann sprachlich mäandernd in den vollkommenen Wahnsinn hineinbewegt, kann man nicht erkennen, aus welcher Zeit das stammt.

Interessiert Sie das grafische Werk von Heino Jaeger?

Bis vor zwei Jahren wusste ich nicht mal, dass er auch als Maler bedeutend ist. Vor Kurzem dann habe ich bei einer Ausstellung in der Galerie Zwang seine Werke gesehen, und seitdem ist sein Werk als darstellender Künstler für mich fast noch wichtiger als seine Wortschöpfungen. Er lernte ja zeitgleich mit Horst Jansson bei Alfred Mahlau an der HfbK und hat einen ähnlich genialischen und sicheren Strich wie Jansson, nur dass Jaeger weitaus komischer, härter und tiefer mit seinen Sujets umging. Der hat wirklich verrückte Sachen gemacht. Ich habe mir gerade eine Zeichnung von ihm gekauft.

Warum ist Jaeger nicht berühmt geworden?

Er war nicht einzuordnen. Er hat sich verweigert und nicht verständlich gemacht, er ist nicht in die großen Sendungen gegangen, sondern hat nur seinen eigenen Kosmos bearbeitet. Er war nicht im Geringsten kompatibel mit den Marktmechanismen. Das ist natürlich einerseits tragisch, aber auf der anderen Seite macht ihn das natürlich wahnsinnig attraktiv und großartig. Das war jemand, der sich nicht hat verzehren lassen. Dafür bewundere ich ihn sehr.

Stimmt es, dass Sie über Jaeger einen Film machen wollen?

Ja, seit ungefähr einem Jahr plane ich mit Lars Jessen, einen Spielfilm über das Leben Heino Jaegers zu machen. Mir geht es dabei um eine ganz bestimmte Zeit, in der sich die Wege vieler besonderer Hamburger Figuren kreuzten, Menschen wie Norbert „Boxpinz“ Grupe, Wolfgang „Wolli“ Köhler, Hubert Fichte und Heino Jaeger. In deren Umfeld etablierte sich zwischen 1970 und 1976 eine der wichtigsten Musikszenen Deutschlands. Das ist für mich eine goldene und bislang noch unerzählte Ära deutscher Pop- und Kulturgeschichte, in der wahnsinniges Material steckt.


Zurzeit sind zwei Filme zu Heino Jaeger in Arbeit, zum einen ein Dokumentarfilm von Gerd Kroske mit dem Arbeitstitel Heino Jaeger – vergessen, zum anderen der im Gespräch von Schamoni erwähnte Spielfilm. Olli Dittrich, der Jaeger spielen soll, spricht von einem „biografischen Spielfilm“, an dessen szenischem Grundgerüst neben Schamoni und Regisseur Lars Jessen (die auch zusammen den schönen Dorfpunks gemacht haben) auch Jaegers engster Freund Joska Pintschovius mitarbeitet. Dass mich angesichts des Projekts trotzdem ein leichtes Unbehagen beschleicht, liegt an dem Wesensmerkmal des sogenannten Biopics, die Figur, die Zeit und die Orte, die es angeblich ins Gedächtnis rufen will, ein für allemal hinter dem Schleier nostalgischen Produktionsdesigns, kokeliger Kostüme und zeitgenössischer Schauspielervisagen verschwinden zu lassen. Was mit in aller Welt bekannten Charakterfressen wie Adolf Hitler und Johnnie Cash funktionieren kann, versagt oft angesichts unbekannterer Gesichtszüge. Die vielen nur von Fahndungsfotos bekannten Phantommasken der RAF-Terroristen oder gar die fast vollständig hinter seinem grafischen und akustischem Werk verborgene Figur Heino Jaegers laufen Gefahr, durch krampfhaft um Ähnlichkeit bemühte Mimen für immer zu schlechten Kopien ihrer selbst degradiert zu werden.


Um Heino Jaeger gerecht zu werden, könnte ich mir eine ähnliche Strategie wie in Harald Bergmanns Brinkmanns Zorn vorstellen, in dem Schauspieler Eckart Rohde Originaltonaufnahmen von Rolf-Dieter Brinkmann lippensynchron nachsprach. Olli Dittrich nicht als Verkörperer seines großen Vorbilds, sondern als eine Art Marionette oder Medium, durch das hindurch der Meister in die Gegenwart hinein spricht. Das Leben eines Künstlers in die Gegenwart zu holen, der Zeit seines Lebens auf der Flucht vor ihr war, scheint mir außerdem nur möglich durch eine filmische Form, die der heutigen Gegenwart den Spiegel ihrer eigenen Hässlichkeit vor Augen führt. Reine Nostalgie ist da fehl am Platze.


Kroskes Heino Jaeger – vergessen gibt „anhand von Bildern, Zeichnungen, Fotos und Filmmaterialien“ Einblick in Jaegers Werk und Leben. Gespannt bin ich vor allem auf die Filmmaterialien. Neben dem Hinweis auf Helmut Förnbachers Kurzfilm Heino Jaeger – ein Maler des Deutschen Reiches lässt sich Joska Pintschovius’ großartigem Text „Heino Jaeger: Eine erzählte Biographie“ (aus Man glaubt es nicht) entnehmen, dass die Freunde bei vielen ihrer Reisen in die architektonische und militärische Vergangenheit des Landes häufig eine Kamera dabei hatten. Eine Zeitlang trugen sie sich sogar mit dem Gedanken, einen Deutschlandfilm nach dem Vorbild von Fellinis Roma zu drehen. Bei Probeaufnahmen zu dem bald wieder aufgegebenem Projekt postierten sie sich eines Tages vor dem Berliner Europacenter: „kaum waren wir arbeitsbereit, flackerte in einer der unteren Etagen ein Feuerschein, der sich rasch zu einem lodernden Brand entwickelte“.

28 Februar 2011

Und die Oscars gehen an …

>> Taboo von Kirdy Stevens (1980) als Bester Film des Jahres
Dieses komplexe Porträt einer amerikanischen Mittelklasse-Hausfrau findet in jeder Szene die richtige Balance zwischen psychologischer Tiefe und sinnlicher Leichtigkeit. Als moderne, reife Frau, die von ihrem Mann verlassen wird, glänzt Kay Parker in ihrer bisher besten Rolle und zeigt die ganze Bandbreite ihres darstellerischen Könnens. Kirdy Stevens ist es gelungen, auch den kleinsten Nebenrollen emotionales Gewicht zu verleihen und dabei niemals das zentrale Tabu des Films, die übergroße Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn, aus den Augen zu verlieren. Hier fickt jeder jeden, zugleich aber wird die hypnotische Geschichte eines unwiderstehlichen Begehrens zweier Menschen erzählt.


>> Marylin Chambers für die Beste weibliche Hauptrolle in Behind the Green Door von Artie und Jim Mitchell (1972)
Die Überraschung des gestrigen Abends, mit der kaum einer der anwesenden Kritiker gerechnet hat, war der Erfolg der kaum bekannten Marylin Chambers in ihrer ersten großen Rolle, die stärker favorisierten Ginger Lynn und Honey Wilder gingen leer aus. Chambers, die bis vor Kurzem noch als Model (Ivory Snow) gearbeitet hat, war bisher erst in kleinen Rollen zu sehen, etwa an der Seite von Barbra Streisand in Herbert Ross’ The Owl and the Pussycat (1970) und in Sean S. Cunninghams Together (1971). Hier wurde sie von Artie und Jim Mitchell für eine kleine Rolle in Behind the Green Door entdeckt. Mit ihrem unverbrauchten Girl-next-door-Image, ihrer physischen Präsenz und ihrem Mut, künstlerische Risiken einzugehen, empfahl sie sich aber schon bald für die Hauptrolle. Chambers nahm ihren Acadamy Award mit breitem Grinsen, riskantem Dekolleté und folgender Erklärung entgegen: „People say, ,Are you just acting?‘ Well, you can’t act when you’ve got a fist up your butt.“


>> Jamie Gillis für die Beste Männliche Hauptrolle in The Seduction of Lyn Carter von Wes Brown (1974)
Seine mittlerweile dritte Trophäe erhielt Hollywoods Enfant terrible Jamie Gillis für seine umstrittene Rolle als unkonventioneller Sexualpsychologe. In einer weiteren atemberaubenden Method-Acting-Tour-de-Force (zur Vorbereitung arbeitete er drei Monate undercover in einer Frauenklinik) führt Gillis den Zuschauer in die pathologischen Abgründe des modernen Beziehungslebens. Acadamy-Award-Juror Christian Keßler: „Jamie Gillis brilliert erneut in einer Rolle, die ihm sowohl abstoßende als auch anziehende Charakteristika abverlangt. Seine wunderbare Stimme spielt dabei eine Hauptrolle, und sie ist selten besser eingesetzt worden als hier. Als Beispiel mag die Szene im Restaurant gelten, bei der Jamie der noch unentschlossen-ängstlichen Lyn durch charmierendes Selbstbewußtsein Stück für Stück ihrer Reserve abluchst.“


>> Annie Sprinkle für die Spezialeffekte in Little Oral Annie #2
Nach den erstaunlichen 3-D-Effekten des ersten Teils hat das FX-Team um Annie Sprinkle im Sequel noch mal nachgelegt und präsentiert eine schier unglaubliche Fülle spektakulärer Szenen. Auch wenn die Story wieder einmal nicht überzeugen konnte, ließen sich die Mitglieder der Academy vom Erfindungsreichtum Sprinkles begeistern, die angeblich schon an einem dritten Teil arbeiten soll. Auf Gerüchte, dass einige Sequenzen nicht gefakt, sondern echt sein sollen, wollte Mrs. Sprinkle am Abend der Preisübergabe nicht eingehen.


>> John Holmes erhielt den Lifetime Achievement Award
Keiner hat so viele Männer und Frauen in aller Welt glücklich gemacht wie er. In über 1750 Werken hat er sein erstaunliches Können unter Beweis gestellt, nun hat der beste und verlässlichste Mime der alten Garde endlich die gebührende Anerkennung dafür erhalten. Die vergoldete Statue soll Insider-Informationen genau 33 Zentimeter groß sein.


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Alles weitere zu den diesjährigen Oscar-Preisträgern und -Verlierern erfährt man am Donnerstag, den 3. März, ab 20 Uhr im Lichtmess-Kino. Christian Keßler stellt sein neues Buch Die läufige Leinwand vor, präsentiert Filmausschnitte und philosophiert über Vergangenheit und Zukunft einer Branche, die unser dürftiges Leben mit Träumen füllt, über jene „verzauberte Feuchtsavanne, in der die geheimsten und verwundbarsten all unserer vielen Ichs in Sicherheit spielen können“ (Alan Moore).

24 Februar 2011

Teufel komm raus

„Jede Einstellung wird mit einem Blick für die Wirklichkeit geschossen, und alle Wirklichkeit wird mit einem Blick fürs Kino aufgenommen. Geschnitten ist er auf Teufel komm raus, was das Zeug hergibt. Da haben Leute ohne Hintergedanken gearbeitet. Sie sind so abgekocht und niederträchtig wie die Geschichte, die ihnen eingefallen ist.“ (Hartmut Bitomsky über Michael Millers Jackson County Jail, USA 1976)

Die Wirklichkeit – eine knapper werdende Ressource
Jeden Sonntag beim Bizarre Cinema im B-Movie
27. Februar, 15.30 Uhr: Jackson County Jail
Bizarre Cinema – wir machen Wirklichkeit möglich
„Auch ein Film ist eine Überanpassung von Bildern an das Reale“ (H. Bitomsky)