24 Januar 2009

Schnell rein und raus

Einige Bemerkungen zu neueren Superhelden-Filmen unter besonderer Berücksichtigung des Hosenwechsels

Immer dieses Problem mit den Hosen. Nicht zu weit sollen sie ein, wegen der Aerodynamik, zu eng aber auch nicht, wegen der Beinfreiheit. Nicht zu langweilig und nicht zu ausgefallen. Sie sollen das Image und die besonderen Fähigkeites des Mannes für alle Welt sichtbar zum Ausdruck bringen und gleichzeitig dezent sein Gemächt verbergen. Und das größte Problem überhaupt: Man muss schnell rein und raus können. Vier Superhelden-Filme, die 2008 in die Kinos gekommen sind, zeigen eindrucksvoll, welche Varianten in Bezug auf den Hosenwechsel das Genre zu bieten hat.

Da ist zum Beispiel Rick Riker alias Dragonfly aus Superhero Movie, der zur Gattung von Helden gehört, die ihr Kostüm selbst entwerfen und vor jedem Einsatz möglichst schnell hineinschlüpfen müssen. Allerdings vergisst er beim ersten Entwurf seiner an einer Libelle orientierten Klamotte Augen- und Mundlöcher, und auch sonst werden in der Satire von Craig Mazin die Schrecken der Adoleszenz durch das Superhelden-Dasein keineswegs sublimiert, sondern ins Extrem gesteigert – ein Dauerfeuer erniedrigender Zufälle, pubertärer Witze und unfreiwilliger Tode.

Das Risiko des Selbernähens:
Rick Riker alias Dragonfly (Drake Bell)


Die meisten Gags im Superhero Movie funktionieren wie bei seinen Vorläufern Die nackte Kanone und Scary Movie über die Persiflierung der Erzählkonventionen des Genres, wobei vor allem Sam Raimis Spider Man-Trilogie als Folie dient. Peter Parker ist ja nicht nur der Urtypus des Selbernähers und Umziehers, sondern auch der Inbegriff des pubertierenden Losers, der im Umgang mit seinen Super-Fähigkeiten ständig zwischen Impotenz und Omnipotenz schwankt, eine Eigenschaft, der im Superhero Movie mit schöner Grobheit jede Ambivalenz und Zartheit ausgetrieben wird. Zum Beispiel in der Szene, in der Rick Riker ähnlich wie Peter Parker bei einem Klassenausflug von einem Insekt gebissen wird. Mit dem feinen Unterschied, dass er vorher in diverse Scheißhaufen gefallen, von einem geil machenden Sekret übergossen und von sämtlichen Versuchstieren des Labors gebumst worden ist. Einschließlich einer Super-Libelle, die ihm ihre Super-Gene einspritzt. Damit diese Art des Erzählens, die ständig ihre eigenen Grundlagen freilegt und zerstört, nicht langweilig wird, wurde das Ganze zusätzlich mit derben Gags gewürzt. Kinder werden überfahren, der Papst und der Dalai-Lama kriegen ihr Fett weg, und der arme Stephen Hawking wird immer mal wieder aus seinem Rollstuhl geschleudert.

Den hosentechnischen Gegenpol zu Dragonfly und Spider-Man bildet der grüne Gigant Hulk aka Bruce Banner, dessen Geschichte, weil sie schon so oft erzählt worden ist, Regisseur Louis Leterrier gleich im Vorspann seiner Neuverfilmung Der unglaubliche Hulk skizziert: das misslungene militärische Experiment, die Transformation, die Verletzung der Geliebten, die zugleich die Tochter des Generals und Bösewichts Ross ist, die Flucht. So kriegt man gleich zu Beginn auch das Wichtigste mit, was es über diese Figur zu wissen gibt: Bei der offensichtlich ziemlich schmerzhaften Umwandlung zerfetzt die Büchs von Banner, sodass er hinterher regelmäßig in aus allen Nähten platzenden Hotpants dasteht. Sein Gemächt scheint von der Umwandlung nicht betroffen zu sein.

Hulk in Hotpants

Nach dem Vorspann geht es im besten Teil des Films rasant in einer Favela in Rio weiter, wo sich Banner versteckt hat, um nicht nur vor General Ross, sondern auch vor sich selbst sicher zu sein. Als Anti-Aggressions-Trainig treibt er Yoga, damit sein Puls auch in brenzligen Situationen nicht die kritische Marke von 200 erreicht, die im weiteren Verlauf des Films für einige der schönsten Spannungsmomente sorgt. Denn Hulk muss nach seiner Entdeckung nicht nur den Elite-Einheiten, Panzerfäusten und Haubitzen des US-Militärs ausweichen, sondern bei allem Gerenne und Geballer auch immer seinen Pulsmesser im Blick behalten und Atemübungen einlegen. Nebenbei findet er auf einem Markt auch noch die Zeit, nach einer Stretchhose für extra fette Ärsche zu schauen, lässt sie unter den kritischen Blicken einer anderen Marktteilnehmerin aber liegen. Wäre ja auch noch schöner, wenn der gewaltige Hulk plötzlich in langen Hosen dasteht.

Die Gratwanderung zwischen martialischer Action und sensibler Gewalt-Enthaltsamkeit gelingt anfangs dank des filigran-nervösen Spiels von Edward Norton, der den inneren Hulk viel bedrohlicher als seine äußerliche Manifestation erscheinen lässt, und weil Hulk im Gegensatz zu anderen Marvel-Heroen keine Erzrivalen hat – außer sich selbst. Geschickt nutzt der Film dieses Dilemma, indem er die Angst vor der Transformation und ihren Folgen dramaturgisch in den Mittelpunkt rückt, zum Beispiel in einer Sexszene, die keine werden darf – weil der Pulsmesser piepst. Ganz nebenbei wird durch die Abwesenheit äußerer Feinde der Blick für die nicht nur farblichen Ähnlichkeiten zwischen Monstrum und Militär geschärft, die beide ohne effektive Kontrolle mehr Schaden anrichten als vermeiden. Nur das konventionelle Finale fährt dann alles auf, was sonst an Superhelden-Filmen nervt. Die grüne Pixelmasse des Hulk trifft auf die braune Pixelmasse eines noch viel böseren Monsters, New York wird in Schutt und Asche gelegt. Hat man doch schon tausendmal gesehen.

Der Große Japaner (re.) trägt XXXXXXXXXXXXXXL

Ein fernöstlicher Verwandter des Hulk, jedenfalls was den Hosenwechsel betrifft, ist der Japaner Daisato. Er gelangt in seine blauen Super-Shorts, indem er sich breitbeinig in eine XXXXXXXXXXXXXXL-Hose stellt, die an zwei riesigen Pfählen aufgespannt ist, anschließend wird er dann mit Stromstößen zum Dai-Nipponjin, dem Großen Japaner, aufgepumpt. In dessen Alltagsleben weist allerdings nichts darauf hin, dass er ein Superheld und einer der berühmtesten Männer seines Landes ist. Seine Frau hat ihn verlassen, sein verwahrlostes Zuhause teilt er sich mit einer Katze, und im Nudelladen an der Ecke isst er schon seit Jahren dasselbe Gericht. Die Rezession in Japan hat eindeutig auch im Berufsbild des Superhelden ihre Spuren hinterlassen.

Der große Japaner, der erste Spielfilm des in Japan berühmten Star-Komikers Hitoshi Matsumoto, persifliert das Genre nicht mit den Mitteln der Überspitzung, sondern indem er die Geschichte seines Antihelden im Format einer TV-Sozialdoku erzählt. Der nicht ganz neuen Idee, dass übermenschliche Fähigkeiten nicht unbedingt mit sozialer Kompetenz einhergehen, fügt er so auch formal eine schöne Variante hinzu, denn Daisatos Problem ist nicht nur ein privates, sondern auch ein mediales: Die Einschaltquoten seiner live im Fernsehen übertragenen Kämpfe sind im Keller. Ähnlich wie das traurige Leben seines Antihelden schwankt Der große Japaner zwischen zwei Aggregatzuständen: dem dokumentarischen Porträt eines Losers und den computeranimierten Kämpfen des Superhelden gegen zunehmend bizarre Antagonisten. Dabei gelingen Matsumoto, der auch die Hauptrolle spielt, einige schöne Seitenhiebe auf die japanische Sehnsucht nach Helden und deren gnadenlosen TV-Verschleiß. Wer nicht mehr ins Schema passt, wird halt am anderen Ende des Spektrums als sozialer Verlierer noch ein letztes Mal televerwurstet.

Von der Parkbank direkt zum Einsatz:
Hobo Hancock (Will Smith)


Auch bei Daisatos amerikanischem Pendant Hancock klaffen Super-Fähigkeiten und soziale Verantwortung weit auseinander. Er wechselt die Hosen überhaupt nicht, meistens fliegt er in den Klamotten zum Einsatz, in denen er die Nacht auf der Parkbank verbracht hat. Er säuft, reißt politisch unkorrekte Witze und ist bei seinen Rettungsaktionen immer ein wenig neben der Spur, zerstört Straßen, Autos und Gebäude und lässt schon mal einen ganzen Zug entgleisen, um einen einzigen Mann zu retten. Da seine Sprüche außerdem ein bisschen analfixiert sind, ist es kein Wunder, dass Hancock ein schlechtes Image in der amerikanischen Öffentlichkeit hat.

Eigentlich kann ein Film, in dem der Spruch „Ich stecke gleich deinen Kopf in seinen Arsch“ wörtlich genommen wird, ja nicht ganz schlecht sein, aber wie so viele amerikanische Action-Blockbuster folgt auch in Peter Bergs Hancock auf den anfänglichen Exzess die erzählerische Domestizierung. Ein gutherziger PR-Berater nimmt sich der Außenwirkung von Hancocks Auftritten an, verschreibt ihm eine Alkoholkur und einen Gefängnisaufenthalt und steckt ihn in ein schwarzes 08/15-Lederkostüm. Die Frau des PR-Beraters versetzt dann mit der Enthüllung eines wirklich bescheuerten Geheimnisses über die Herkunft Hancocks der Hauptfigur den Todesstoß. Es gibt halt doch ein paar Genre-Regeln, an die man sich halten sollte. Zum Beispiel sollte man der Herkunft eines Superhelden erzählerisch nicht viel Raum geben. Ein Insektenbiss reicht doch. Viel wichtiger ist: Wie kommt der Mann in seine Hosen.


Das sollte auch die zentrale Frage sein, wenn am Sonntag, den 1. Februar 2009, ab 15 Uhr im 3001-Kino endlich mal wieder der halb vergessene und von der DVD-Industrie sträflich vernachlässigte The Return of Captain Invincible auf einer Kino-Leinwand zu bestaunen ist (mehr Infos hier). Wird der dem Alkohol und schönen Frauen nicht abgeneigte Superheld aus Down Under wie sein schamlos ihn kopierender Nachahmer Hancock direkt in seinen Zivilklamotten zum Einsatz fliegen? Hat er sich das weiße Dress, auf dem er auf dem Plakat zu sehen ist, selbst genäht oder ist es das Ergebnis des Brainstormings einer Werbeagentur? Nächsten Sonntag wissen wir mehr. Zum Film, den Hans-Arthur Marsiske präsentieren wird, soll übrigens Asti Spumante gereicht werden, das Lieblingsgetränk Captain Invincibles.

We need you, Captain Invincible, legend in leotards!

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