25 Dezember 2009

Maigret im Kino

In Cecile est morte (1942, dt.: Maigret verliert eine Verehrerin) gibt es eine Passage, in der Maigret in schlechter Stimmung den Boulevard Montparnasse entlangschlendert. Als er an einem Kino vorbeikommt, geht er hinein, lässt sich, noch in seinen Mantel gehüllt, in einem Logensitz nieder und
"in that state of physical numbness, his thoughts, like in dreams, sometimes going to the absurd, followed paths that pure reason wouldn't have discovered ... And that’s how he thinks without thinking, in snatches, by pieces of ideas which he doesn’t try to put end to end." (englisches Zitat gefunden im wundervollen Maigret Forum, in dem man im Kosmos der Maigret-Romane anhand von Nacherzählungen, Fotos, Querverweisen und Stadtplänen flanieren kann)
Die Art, wie Maigret einen Film schaut (die ein bisschen an einen Kinobesuch von Monsieur Hire erinnert), denkend ohne zu denken, schauend, aber in seinen Tagträumen davondriftend, verlernt man ein bisschen als Filmkritiker. Dahinter steckt eine Haltung, die den einzelnen Film selbst gar nicht so wichtig nimmt, die sich nicht schert um sein Verhältnis zur Gesellschaft, das Gelingen seiner Form, seinen Platz im Oeuvre. Das Kino ist hier ein Ort des Ausruhens, des Beisichseins und der halbgaren Träume und Ideen. Etwas suspekt sind mir Leute, die noch im Kinosaal mit einem Leuchtstift ihre Gedankenblitze zu Papier bringen, ein Grauen die Vertreter der PR-Büros, die gleich nach der Pressevorführung einen "ersten Eindruck" haben wollen. Ich reagiere dann meist wie Maigret, wenn man ihn in einem frühen Stadium der Untersuchung nach seiner Theorie fragt, versuche schnell zum Ausgang zu kommen oder brumme etwas Unverständliches.

Meistens geht Maigret mit Madame Maigret ins Kino, eine der wenigen Zerstreuungen, die sich das Paar gemeinsam gönnt. In Maigret in New York erfährt man, dass der Kommissar eine Vorliebe für Western und Komödien hat, vor allem Chaplin und Laurel und Hardy. Ich stelle ihn mir vor, wie er sich 1932 Jean Renoirs La nuit du carrefour ansieht. Wäre er zufrieden gewesen mit der Darstellung, die Pierre Renoir, der Bruder des Regisseurs, von ihm gab? Für Simenon war dieser erste Maigret-Film jedenfalls ein Glücksfall und der Beginn einer Freundschaft mit Renoir.

Simenon mit Giulietta Masina und Federico Fellini 1960 in Cannes

Ein anderer Regisseur, mit dem Simenon eine enge Freundschaft verband, war Federico Fellini. 1960 war Simenon Jurypräsident des Filmfestivals von Cannes und sorgte dafür, dass die Goldene Palme an La dolce vita ging.
"Am letzten Tag der Jurysitzung (...), als wir von der Jury mit einem prächtigen kalten Buffet und nicht weniger prächtigen Zigarren in einem Raum eingesperrt wurden, flehte mich der Direktor des Festivals an, ihn stündlich über den Stand der Dinge auf dem Laufenden zu halten. Ich habe abgelehnt. Ich werde die Namen der Kandidaten nicht nennen, die man mir in homöopathischen Dosen einflüsterte. Die Einflüsterungen kamen direkt vom Außenministerium. Dank zweier oder dreier Verbündeter in der Jury, vor allem meines Freundes Henry Miller, der nur zu mir gesagt hatte: ,Sagen Sie mir einfach, für wen ich stimmen soll‘, konnten wir die Goldene Palme jenem verleihen, der anfänglich die geringsten Chancen hatte, sie zu bekommen, nämlich Fellini für La dolce vita, einem Meilenstein der Filmgeschichte." (Aus: Tant que je suis vivant, 1976, zitiert in: Georges Simenon – Sein Leben in Bildern, Diogenes 2009)
Wenn Simenon 1980 Jurypräsident in Cannes gewesen wäre, hätte er vielleicht dafür gesorgt, dass Samuel Fullers The Big Red One gewinnt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Fuller und Simenon, wären sie sich einmal begegnet, gute Kumpel geworden wären. In den Büchern, die ihre Lebensgeschichten erzählen, findet man kaum Bilder, in dem sie nicht gerade beim Rauchen sind. Fuller Zigarre, Simenon Pfeife.

Kommentare:

PARALLEL FILM hat gesagt…

Das Kino als selbstverständlicher Ort - das ist leider vorbei. Inzwischen muss man sich sehr präzise verabreden, wenn man überhaupt aus dem Haus geht, um einen Film zu sehen. Es ist wie mit einer Begegnung zwischen Menschen: ein angekündigtes Rendez-Vous ist mit Erwartung kontaminiert, was eine Enttäuschung wahrscheinlich macht. Darüber, dass der Film das Erwartete erfüllt, oder darüber, dass er es nicht erfüllt...

The Wayward Cloud hat gesagt…

Dieses erwartungslose, gedankenverlorene Hineindriften ins Kino, das auch viel mit der intuitiven, ganz unkategorischen Vorgehensweise Maigrets bei der Aufklärung von Verbrechen zu tun hat, ist wohl mit den Bahnhofskinos ausgestorben, in denen sich Reisende bei Zwischenstopps ins Dunkle und Geborgene zurückziehen konnten. Die Filme liefen nonstop, Anfang und Ende sah man vielleicht gar nicht, vielleicht in der falschen Reihenfolge. Es würde sich bestimmt lohnen, über die Ästhetik der Trashfilme der 70er Jahre von diesem Rezeptionsende her nachzudenken. Manchmal landet man auf einem Festival in einem Film, über den man nichts weiß. (Einen solchen Glücksfall habe ich hier beschrieben) Der Reiz des Bloggens und des Blog-Lesens mag auch etwas mit der Lust daran zu tun haben, dem Unerwarteten zu begegnen und sich immer wieder überraschen zu lassen.

PARALLEL FILM hat gesagt…

'gedankenverloren' ist ein tolles Wort.

marlow hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
marlow hat gesagt…

ja, das kino als selbstverständlicher ort ...

oder die kirche!

auch leute wie martin mosebach und harald schmidt, die für die wiedereinführung der lateinischen messe eintreten, dieses gedämpften, herrlich die gedanken wegtragenden singsangs, können sich kaum oder gar nicht an die zeit vor dem konzil erinnern, das die liturgie reformierte. wonach sie sich sehnen, entbehrt der eigenen erfahrung. kindheitserinnerungen, adoptiert von den eltern.


bahnhöfe sind ja auch nicht mehr das, was sie mal waren: die wartesäle verwaist, die kneipen geschlossen, stattdessen ein unterstand an den gleisen im post-colani-design, das sonst so noch die möbelabteilung bietet bei karstadt, zirka zwei stockwerke über den hygienartikeln, wo frau ihren lady-shaver findet. - damals, als die bahnhofskinos nonstop bilder abnudelten, da konnte man dort, ab 18, noch echte büsche sehen. glaube ich. muss mal meinen onkel fragen.

apropos karstadt! kaum pleite, schon besungen als verschwundener ort. wo? im kino, bei akin. rasend schnell, selbst die nostalgieverwertung. "das war doch karstadt! und da is jetzt ne disco? es gibt sachen, die gibt's nicht", wundert sich moritz bleibtreu in "soul kitchen", vielleicht nicht wortwörtlich, ist schon ein paar tage her, und die erinnerung trübt fast so gern wie weihrauch die sinne.

manchmal gehe ich in einen uci-komplex, mit tochter oder ohne, erwartungs-, hoffnungs-, fast gedankenlos, und während es ringsum nach tacos stinkt und popcorn und parfüm von diesel, döse ich ein, gucke, döse weiter. manchmal sind die bilder schön.