20 Februar 2009

Leder: Eine unwiderstehliche Herausforderung

Fetischismus und Film, Teil 1. Von Michael Ranze


Breitbeinig steht sie auf dem Kofferraum eines roten Ford, die Arme in die Hüften gestützt. Langsam fährt die Kamera rückwärts durch ihre Beine und gibt dann den Blick frei: hohe Überkniestiefel, hautenge Leder-Hotpants, ein Leder-Top und eine helmartige Mischung aus Leder-Maske und Kapuze, die das Gesicht und somit die Identität verhüllt. In Racheengel in Leder (Model by Day, Kanada 1993, Regie: Christian Dugay) spielt Famke Janssen ein schönes Model, das nach dem Überfall auf eine Freundin nachts auf Verbrecherjagd geht. Ihr Auftritt strahlt Dominanz aus, ihre Fetischkleidung Schutz und Distanz. Der genüssliche Blick auf ihre Rückenansicht ist ein voyeuristischer. Diese Lederfrau will man gar nicht kennenlernen, geschweige denn berühren. Anschauen muss reichen. Und wo könnte man das ungestörter und ungenierter tun als im Kino.

Leder: Wohl kaum ein Material ist so sehr mit Mythos und Bedeutung aufgeladen. Leder ist die gegerbte Haut eines Tieres und hat darum etwas Animalisches. Das macht den Menschen, der sie sich angeeignet hat, zum Überlegenen. Leder ist das älteste Bekleidungsmaterial der Menschheit. Bereits vor der Jungsteinzeit diente es als Schutz vor Nässe und Kälte. Mit dem Leder erwirbt man also auch ein Stück Unverwundbarkeit, die lange vorhält. Denn es ist ein Werkstoff, der seiner Unempfindlichkeit und Strapazierfähigkeit wegen die Zeit überdauert, seine eigene Geschichte hat. "Leder ist Magie", sagt der französische Künstler Michel Raimbaud, der aus Tierhäuten Skulpturen herstellt. Sein Geheimnis? Die weiche Struktur, die alle Sinne anspricht: Es fühlt sich gut an, schimmert glänzend, riecht unverwechselbar und knarzt verführerisch. Die Haut auf der Haut schmiegt sich an, betont die Figur und macht jede Bewegung mit. Was bei Männern aggressiv wirkt, strahlt bei Frauen große Sinnlichkeit aus. "Nichts fühlt sich auf deiner eigenen Haut an wie Leder", teilte Modemacherin Donna Karan der Zeitschrift Newsweek mit. "Es ist hocherotisch!" Und Giorgio Armani ergänzt: "Frauen fühlen sich gut in Leder." Das rührt an die Urinstinkte des Mannes, diesem rastlos suchenden Jäger, der sich vor allem durch visuelle Reize leiten lässt. Die Frau in Leder: eine Herausforderung, der er sich nur allzugern stellt.

Ledergirl: Emma Peel alias Diana Rigg

Die hohe erotische Ausstrahlung von Lederfrauen auf die männlichen Zuschauer ist Filmemachern nicht verborgen geblieben. Begonnen hat es – sieht man einmal von dem Vorläufer Devil Girl from Mars (England 1954, Regie: David MacDonald) ab, in dem Patricia Laffan als Außerirdische einen hochgeschlossenen Lederanzug mit Helm und überbreiten Schultern trägt – 1962 mit der zweiten Staffel der Avengers, mit Honor Blackman als Cathy Gale. Berühmt wurde ihr "fighting kit", ein lose fallender Anzug mit geknöpfter Jacke und kniehohen Stiefeln, der vor allem praktisch sein sollte, darüber hinaus aber auch einen erotischen Unterton ausstrahlte. Patrick Macnee erinnert sich: "Wir benutzten eine Menge Fetische, Leder, Fesseln, was auch immer, aber auf sehr subtile Weise. Man könnte sagen, wir haben ein bisschen gekitzelt." "Kinky Boots" heißt denn auch die vierteilige Video-Edition, in der 16 der 52 Folgen erschienen sind. Hoffähig wurde die Fetischmode aber erst ab der vierten Staffel mit Diana Rigg als Emma Peel. Sie war die starke, makellose und überlegene Frau, modisch ihrer Zeit voraus, ungemein begehrenswert und voll ironischer Gelassenheit. Ihr lederner Catsuit, dessen wohlgesetzte Reißverschlüsse wie ein Versprechen ins Auge stachen und Emmas unverklemmte Sexualität symbolisierten, war von den Fetisch-Overalls beeinflusst, die der legendäre Designer John Sutcliffe entworfen und in der Kultzeitschrift Atomage publiziert hatte. "Emma Peel in Leder, während sie reihenweise männliche Kontrahenten kampfunfähig setzt oder aber in irgendeiner Form gefesselt der Gewalt eben jener Männer ausgesetzt ist, lässt überdeutlich die Konnotation zu S/M-Praktiken oder Domina-Spielen erkennen." (Lars Baumgart)

Da versteht es sich von selbst, dass Jeremiah Chechiks Kinoverfilmung Mit Schirm, Charme und Melone (USA 1998) nicht auf den sexuellen Subtext der Dominanz und Andersartigkeit verzichten will. Der aufregende Lederoverall, den Uma Thurman im letzten Drittel des Films trägt, soll so eng gewesen sein, dass sie sich nach eigenem Bekunden nicht einmal mehr bücken konnte. Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Thurman ist in eine zweite Haut eingeschlossen wie eine Gefangene. Nur der breite Gürtel, der an ein Schloss erinnert, kann allein Zugang zum Körper gewähren. Beinflusst von Emma Peel ist auch Cornelia Sharpe als Agentin in Ein superharter Engel (S.H.E., USA 1979, Regie: Robert Lewis). In den letzten 20 Minuten trägt sie, wie ihr männlicher Kollege, einen hautengen, schwarzen Lederoverall. Hier kommt dem Jumpsuit eine uniformähnliche, in seiner Bedeutung verkehrte Signalwirkung zu: Die Guten tragen schwarzes Leder, die Bösen sind normal gekleidet. 1997 drehte Jay Roach mit Austin Powers eine weitere Hommage an Emma Peel und das London der Swinging Sixties. Gleich zu Beginn betritt Mimi Rogers im schwarzen Lederoverall eine Disco, als sei es das Normalste der Welt, um dann mit Handkante und Fußkick einen Widersacher aufs Kreuz zu legen. Am Ende des Films trägt Elizabeth Hurley den gleichen Anzug und sieht – wie drei Jahre später als rotlederner Teufel in Bedazzled (Regie: Harold Ramis) – schlichtweg atemberaubend aus. Hier hat das Leder etwas Leichtfüßiges und Verspieltes, scheint wie befreit von Mythen und Bedeutungen. Vor Elizabeth Hurley muss Austin Powers keine Angst haben. Sie verkörpert die sprichwörtliche Frau zum Pferdestehlen.


Vom Swinging London nach Italien. 1966 trug Rossana Podesta in Das Superding der 7 goldenen Männer (Il grande colpo dei sette uomini d’oro, Regie: Marco Vicario) bei einer Einbruchszene einen hautengen Lederoverall, der die Figur wie eine zweite Haut nachzeichnet. Nacktsein ohne wirklich nackt zu sein – nur Leder verschafft diese Illusion. Die Armeesoldaten, die sie gefangen nehmen, geraten dementsprechend durcheinander. In Lina Wertmüllers Italowestern Mein Körper für ein Pokerspiel (Il mio corpo per un poker, aka: The Belle Starr Story, Italien 1968) ist Elsa Martinelli als Outlaw in schwarzer Lederhose zu sehen. Erst als sie einen Mann kennenlernt, wird sie ein weißes Kleid anziehen – und damit ihre Toughness ablegen. In Planet der Vampire (Terrore nello spazio, Italien/Spanien 1965, Regie: Mario Bava) tragen Norma Bengell und Evi Marandi hochgeschlossene Lederoveralls, deren Kragen bis über die Wangen reichen. Ein undurchlässiger Panzer, der gleichwohl keinen Schutz bietet: Auch sie werden in Vampire verwandelt und ihre Menschlichkeit verlieren.

Am kuriosesten ist aber Lucky Girls (Chi commincia l'avventura; aka: Midnight Pleasures; aka: Blonde in Black Leather, Italien 1977) des kürzlich verstorbenen Carlo DiPalma, den man vor allem als Kameramann von Michelangelo Antonioni und Woody Allen kennt. Monica Vitti spielt eine Motorradbraut in schwarzer Bikermontur, die mit Claudia Cardinale als biederer und gelangweilter Hausfrau quer durch Italien düst. In einer Szene ist die Vitti unerklärlicherweise – und ohne dass gezeigt würde, wie sie sich umzieht – in einem ungemein engen Lederoverall zu sehen. Ein Reißverschluss ist nicht zu entdecken, und so muss man annehmen, dass sich die Vitti in das Leder wie in eine zweite Haut hat einnähen lassen. Die unmittelbare Berührung des Körpers ist somit verwehrt. Die Vitti soll nur noch angeschaut, bestaunt werden. Sie liegt auf einem heruntergelassenen Friseursessel und lässt sich von einem Jungen mit Bürste die Schenkel, Hintern und Brüste wienern. Dabei stöhnt sie lustvoll. DiPalma frönt hier ungeniert seiner Obsession für Leder. Und macht den Zuschauer zum Komplizen.

Es gibt nur noch einen Film, der den Lederfetischismus so "unashamed" (Christopher Tookey in The Critics’ Film Guide) thematisiert: Nackt unter Leder (Girl on a Motorcycle, England 1967, Regie: Jack Cardiff). Marianne Faithfull steigt zu Beginn des Films nackt in einen Lederoverall und fährt mit dem Motorrad vom Elsass nach Heidelberg. An der Grenze träumt sie davon, dass ein Zollbeamter ihren Schenkel berührt, also ihr Fetisch-Outfit würdigt, doch in Wahrheit passiert nichts dergleichen. Am Schluss trifft sie auf Alain Delon, der sie genüsslich aus dem Anzug pellt ("Unskin me!"). Das Thema der zweiten Haut, die unverwundbar macht und ein Stück gelebter Geschichte, nämlich die des Tieres, in sich trägt, klingt hier deutlich an: "It’s like skin. I am like an animal", stöhnt die Faithfull. "Ein seltsames Gefühl klarer Nostalgie löst dieser abwegige Mainstream-Film aus: Wie nahe sind diese Jahre, wie weit sind sie weg. Camp ’68: rote Rosen und schwarze Motorräder, das blonde Starlet und der göttliche Star, freie Liebe und romantisches Rebellentum." (Hans Schifferle in Steadycam 14/89)

Frauen in Leder haftet immer auch etwas Verruchtes an. "You must be a whore to wear things like this", muss sich Victoria Prinzipal in Earthquake (USA 1974, Regie: Mark Robson) von einem Mann sagen lassen, als sie nach einem Erdbeben, ganz in schwarzes Leder gekleidet, orientierungslos herumirrt. Der kurze, an den Seiten geschnürte und darum sehr enge Ledermini, den Julia Roberts in Erin Brockovich (USA 2000, Regie: Steven Soderbergh) trägt, outet sie gleich als Schlampe, auf die – so muss man zunächst annehmen – kein Verlass ist. Hier haftet dem Leder etwas Vulgäres an: Erin Brockovich hat offensichtlich keinen Geschmack, weiß nicht, wie man sich kleidet. Im Anwaltsbüro von Albert Finney ist sie gleich als Außenseiterin zu erkennen. In When Night is Falling spielt Rachael Crawford eine Zirkuskünstlerin, die Pascale Bussières in der Rolle einer streng calvinisFont sizetischen College-Professorin den Kopf verdreht. In einer Szene betreibt die Crawford, in einen schwarzen Lederoverall mit Kapuze gehüllt, hinter einem erleuchteten Paravent kunstvolle Schattenspiele. Ihre Andersartigkeit wird schon durch das Outfit betont. Kein Wunder, dass die bürgerliche Professorin der unkonventionellen Ausstrahlung dieser Femme fatale erliegt.


Noch eine andere Frau setzt ihr ledernes Outfit gezielt dazu ein, einem Mann die Sinne zu rauben und im Kampf gegen eine Nebenbuhlerin auf ihre Seite zu ziehen: die atemberaubend schöne Silke Hornillos Klein in Tierra (Regie: Julio Medem, 1996). Schon allein ihr feuerrotes Haar hätte ausgereicht, um Mari, so ihr Name, in den Mittelpunkt des erotischen Interesses zu rücken. Aber damit nicht genug: Als wir sie zum ersten Mal sehen, steht sie, von der Schärfentiefe noch nicht erfasst, weit hinten in einer Kneipe und spielt Billard. Doch ihre schwarze Lederhose und das enge, ärmellose Leder-Shirt fesseln schon jetzt die Aufmerksamkeit. Kurz darauf blickt ihr die Kamera sekundenlang ungeniert auf den Po. Es ist der voyeuristische Blick von Angel, einem geheimnisvollen Fremden, der als Schädlingsbekämpfer in das spanische Weindorf gekommen ist. Eigentlich interessiert er sich mehr für die schöne Angela (Emma Suárez). Doch mit ihrer scheuen Sanftmut kann sie nicht gegen die aggressive Sinnlichkeit von Mari bestehen, die sich in ihrem Lederoutfit, eigentlich zum Schutz auf dem Motorrad getragen, lasziv an einem Pfosten räkelt und mit der Zunge über die Lippen fährt. Die Kamera folgt dabei in einer langsamen Aufwärtsbewegung den Konturen ihres Körpers. Später wird Mari mit dem Motorrad nach Hause fahren. Angel folgt ihr im Auto und blickt ihr dabei im Licht des Scheinwerfers in aufgeregter Vorfreude noch einmal auf den Lederhintern. Keine Frage, für welche der beiden Frauen er sich am Schluss entscheiden wird.

In Drei Leben und ein Tod (Trois vies et une seule mort, Frankreich 1996, Regie: Raoul Ruiz) spielt Anna Galiena in einer Episode eine Prostituierte, die Marcello Mastroianni unter ihre Fittiche nimmt. Die enge Lederhose und die elegante Jacke sind ihre Arbeitskleidung, signalisieren Verführung und unkomplizierten Sex. Ein schwarzglänzendes Versprechen, dem Mastroianni nicht widerstehen kann.

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Fetischismus und Film Teil 2 mit Bulle Ogier in Barbet Schroeders Maitresse, Lucy Liu in Charlie’s Angels, Eilee Davidson in Girls Gang, Maggie Cheung in Irma Vep
Leder-TV für die ganze Familie: Mit Schirm, Charme und Melone (The Avengers), Montag bis Freitag um 17.40 Uhr auf Arte

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