27 Februar 2009

Mehr Leder: Eine unwiderstehliche Herausforderung

Fetischismus und Film, Teil 2. Von Michael Ranze

Ab in den Folterkeller: Bulle Ogier in Maitresse

Leder – das ist auch die Berufskleidung der Dominas. Sie zeigen sich ihren Freiern nie nackt, von Körperkontakt ganz zu schweigen. Hier hat das Leder eine abweisende, fast schon abschreckende Funktion. Dominas tauchen gelegentlich für einige Minuten in "normalen" Spielfilmen, ob Dramen oder Krimis, auf und hinterlassen zumeist einen bleibenden Eindruck. Sie sind immer ein kurzer Abstecher ins Verruchte, Verbotene und Unbekannte. Nach kurzer Irritation kann der Zuschauer erleichtert zum eigentlichen Geschehen zurückkehren, als sei nichts passiert. Es gibt jedoch einen Film, der – auch wenn er eine konventionelle und zugegebenermaßen banale Liebesgeschichte erzählt – fast ausschließlich in einem Dominastudio spielt und S/M-Praktiken ausführlich und sehr direkt schildert: Maitresse (Frankreich 1976) von Barbet Schroeder. Der Film mit Bulle Ogier als Domina wurde mehrmals gekürzt und in den folgenden Jahren selten gezeigt. In Deutschland ist er nie in die Kinos gekommen. Grund genug, ihn ausführlicher vorzustellen.

Es beginnt mit einem Wasserschaden. Eigentlich hatte Olivier (Gerard Depardieu) seinem Kumpel nur helfen wollen, verwaiste Wohnungen auszubaldowern, um sie später auszurauben. Als sie unter einem Vorwand an der Tür von Ariane (Bulle Ogier) klingeln, werden sie zu ihrer eigenen Verwunderung schnell hereingebeten: Die Badewanne läuft über. Schon in diesen ersten Szenen wird Ariane als schwache Frau geschildert, die sich nicht zu helfen weiß und zur Panik neigt. Später werden wir erfahren, dass sie noch nicht einmal ein Frühstück bereiten kann und klaglos dem Mann – wie im Hollywoodkino der 50er Jahre – das Steuer ihres Wagens überlässt. Oder besser: überlassen muss. Diese Frau soll eine Domina sein, die den Männern ihren Willen aufzwingt?

Ob das Wasser nicht in die Wohnung darunter laufe? Schon möglich, aber die Nachbarn seien verreist. Mehr wollten Olivier und Mario (André Royer) gar nicht wissen. In der Nacht kehren sie zurück. Doch welch eigenartige Beute hängt in den Schränken: ein roter Lederbody, ein Latexkleid, ellenbogenlange Handschuhe, Stiefeletten mit schwindelerregenden Absätzen, Handschellen, Ketten, an der Wand gegenüber steht ein Andreaskreuz. Die verdutzten Diebe nehmen jeden Gegenstand in die Hand und betrachten ihn unter dem Licht der Taschenlampe genau. Die fremde Welt, in die sie geraten sind, übt eine eigenartige Faszination aus – ohne dass sie sich erklären könnten, warum. Das erinnert an Barbara Crampton in dem Horrorfilm From Beyond – Alien des Grauens (USA 1986, Regie: Stuart Gordon), wie sie einen Schrank öffnet, genussvoll die Ledersachen herausnimmt, an ihnen riecht und sie liebkost. Kurz darauf macht sich die Crampton im Lederbody, Stringtanga und ellenbogenlangen Handschuhen über einen Kerl her. Leder als Fetisch, der die Sinne betört und das Vorspiel anheizt.

Plötzlich öffnet sich in der Zimmerdecke eine Luke. Langsam fährt eine silberne Treppe herunter. Und dann kommt sie. Doch zunächst sehen wir nur, wie zwei schwarze Stiefeletten langsam die Stufen suchen und das Auge fesseln. Barbet Schroeder zwingt den Zuschauer in die Rolle des Unterwürfigen, der der Herrin nicht in das Gesicht schauen darf. Ariane ist ob des Einbruchs nicht weiter böse. Sie spannt Olivier einfach in die Sitzung, die sie gerade abhält, ein ("Piss in sein Gesicht!"), gibt ihm für seine Dienste 200 Franc und trifft sich anschließend sogar mit ihm. Olivier ist neugierig. Aber: "Fragen an mich sind verschwendet. Ich lüge, oder ich antworte nicht", sagt Ariane geheimnisvoll. Olivier ist sichtlich beeindruckt von der Macht, die sie über die Männer hat. "Ich habe die Kontrolle. Ich dirigiere die Show", sagt sie und verweist auf die Inszenierung, mit der sie die Fantasien ihrer Freier in die Tat umsetzt. Olivier gelingt dieser Transfer nicht. Als sich der Diener einer einsamen Villa auf dem Lande als Hausherr entpuppt, gibt er ihm auch nach Ende der Folterung noch immer Befehle. Er vermag die Rollen, die die Beteiligten angenommen zu haben, nicht aufzulösen. Die Quälung eines Mannes ist für ihn genauso grausam wie die Schlachtung eines Pferdes, bei der er am Schluss des Films abgestoßen zusieht. Wirklichkeit und Spiel sind für ihn eins. Darum reagiert er auch immer eifersüchtiger auf die Männer, die so viel Zeit mit Ariane verbringen und sich alles gefallen lassen. Einen Masochisten schmeißt er sogar im hohen Bogen aus dem Dominastudio.

Einmal sieht Olivier Ariane bei ihrer Verwandlung zu. Wie sie sich schminkt, die Augenlider nachzieht, die blonden Haare streng zurückkämmt, um sich dann eine schwarze Perücke aufzusetzen, die an den Pagenschnitt von Louise Brooks erinnert. Kurz darauf stützt sie sich, in eine enge, von Karl Lagerfeld entworfene Lederhose gehüllt, mit den Händen gegen eine Wand, mit dem Rücken zur Kamera. Währenddessen schnürt die Sekretärin, die sich sonst um die Termine kümmert, mit aller Kraft das Korsett zu. Es scheint, als sei Ariane von einem ledernen Panzer umgeben, der sie gleichzeitig beschützt und erdrückt. Später muss sie sich unter Atemnot daraus befreien. Barbet Schoeder, der von einem Dominabesuch zu diesem Film angeregt worden sein soll, achtet bewusst auf diese Details. Sein lüsterner Blick ist der des Zuschauers. Er soll dass nachvollziehen, was Schroeder am eigenen Leib erfahren hat.

Nachdem Ariane sich verwandelt und ihre Rolle angenommen hat, verschwindet sie auf der Leiter wie in eine Höhle, wie in eine Unterwelt. Das Dominastudio ist in ein kaltes Blau getaucht. Vertikal angebrachte Neonleuchten spenden ein grelles Licht. Im Gegensatz dazu die warmen, gelbbraunen Farben des gemütlich, fast schon bieder eingerichteten Wohnzimmers im Stockwerk darüber. Nur einmal wird die Cadrage beide Welten miteinander vereinen. Da blickt Olivier von oben die Treppe hinunter. Längst kann er beide Welten nicht mehr trennen. Seine Beziehung zu Ariane ist zum Spiegelbild der Machtspiele im Bordell geworden.

Schroeder erspart einem nichts. Eine waschechte Domina ist bei einigen drastischen Szenen für Bulle Ogier als Body Double eingesprungen. Wirkliche Masochisten, die hinter Masken nicht zu erkennen sind, lassen sich auspeitschen, aufhängen und erniedrigen, küssen ihrer Herrin die Stiefel oder müssen in Frauenkleider auf und ab laufen. In einer Szene nagelt Ariane einem Freier den Schwanz auf ein Frühstücksbrett, um ihn dann für eine halbe Stunde im Dunkeln allein zu lassen. Kein Wunder, dass der Film in Deutschland nie in die Kinos kam. 1976 war er in Frankreich nur in einigen Filmclubs zu sehen, 1981 wurde er um fünf Minuten gekürzt. Erst 2005 brachte das British Film Institute Maitresse in ungekürzter Fassung auf DVD heraus, später folgte die Ausgabe der Criterion Collection.

Manchmal tauchen Dominas – sozusagen als Angebot für diejenigen, die damit etwas anfangen können – kurz in ganz normalen Hollywoodfilmen auf. In Inpector Clouseau – Der irre Flic mit dem heißen Blick (Revenge of the Pink Panther, USA 1978) versohlt Kultstar Valerie Leon als "lederne Lotusblüte" ("Tanya the Lotus Eater" im Original) in schwarzer Lederjeans und tief ausgeschnittenem Korsett Peter Sellers den Hintern. Mit ihrer langen Bullenpeitsche treibt sie den Unwilligen quer durch den Raum und gibt ihn der Lächerlichkeit preis.



Dominas im Hollywoodfilm – das bedeutet vor allem comic relief. Lucy Liu, die schon in Brian Helgelands Payback (USA 1998) als toughe Gangsterbraut in Lederchaps Lust am Schmerz zeigte, bläst in Drei Engel für Charlie (Charlie’s Angels, USA 2000) als angebliche Unternehmensberaterin den Angestellten einer Firma ordentlich den Marsch – ein Ablenkungsmanöver, damit ihre beiden Kolleginnen ungestört in den Hochsicherheitstrakt einbrechen können. Als sie forschen Schrittes durch das Großraumbüro eilt, trägt sie ein strenges Businesskostüm aus schwarzem Leder, dazu High Heels. Die Kamera verfolgt sie und blickt ihr ungeniert auf den Hintern. Nur das Knirschen des Leders ist zu hören. Als Peitschenersatz dient ein Lineal, das bedrohlich durch die Luft pfeift. Die Komik entsteht durch das Gefälle zwischen Absicht und Kontext: Die Domina bewegt sich offenbar im falschen Raum (eben nicht in einem Studio) und verwandelt normale Büroangestellte urplötzlich in unterwürfige Sklaven.



In Mega Mountain Mission (3 Ninjas – High Noon at Mega Mountain, USA 1998, Regie: Sean McNamara) signalisiert Loni Anderson durch Leder-Hotpants und Überkniestiefel, mit denen sie die Männer am Boden festhält, ihre Dominanz. Die Aussage ist klar: Bei dem Überfall auf einen Vergnügungspark hat jeder nach ihrer Pfeife zu tanzen. Die Frau ist der Boss. Zur Ironie der Geschichte gehört es, dass ihr ausgerechnet von drei Kindern das Handwerk gelegt wird.

Keine Domina im eigentlichen Sinn, aber eine Sadistin ersten Ranges ist Nia Peebles in dem Steven-Seagal-Vehikel Half Past Dead (USA 2002, Regie: Rupert Wainwright). Angetan mit schwarzer Lederhose und langärmeligem Lederbustier, legt sie in der letzten halben Stunde des Films entschlossen die Kerle aufs Kreuz und schießt mit einer überdimensionalen Maschinenpistole alles kurz und klein. Das Leder hat hier, ähnlich wie bei einer Uniform, eine Signalfunktion: Mit dieser Frau ist nicht zu spaßen. Gleiches gilt auch für Eileen Davidson in Girls Gang (Easy Wheels, USA 1989, Regie: David O’Malley).



Als Anführerin einer weiblichen Motorradgang namens "Die Wölfinnen" verfügt sie, in eine Lederjeans gehüllt, über unmenschliche Kräfte. Die Geschlechterrollen sind hier auf den Kopf gestellt: Im Kampf mit einem aufrechten Reporter dient Davidson sogar ein Straßenschild als Waffe. Der Mann ist der Unterlegene und muss das Feld räumen – wie die sadistischen Biker in The Stranger (USA 1995, Regie: Fritz Kiersch), die ein friedliebendes Kaff irgendwo in der US-Provinz terrorisieren. Erst eine geheimnisvolle Fremde in schwarzer Lederhose, dargestellt von Kathy Long, kann ihnen das Wasser reichen und sich damit obendrein von einem Kindheitstrauma befreien.

Frauen in Leder wissen sich zu wehren. Erst in der Verkleidung, in der Maskerade, wachsen sie über sich hinaus. Zoe Tamerlis tötet in Die Frau mit der 45er Magnum (Ms. 45, USA 1980, Regie: Abel Ferrara) nach einer Vergewaltigung wahllos Männer. Dabei trägt sie in mehreren Szenen eine schwarze Lederjeans, die Entschlossenheit und Tatkraft signalisiert. Und dann 2004 Halle Berry als Catwoman – mit ihrem "kunstvoll zerfetzten Leder-Kostüm, das aussieht, als hätte sich ein wildes Tier daraus befreit oder als hätte es sich hineingekämpft." (Dietmar Kanthak).


Das Animalische der zweiten Haut wird hier, ähnlich wie in Girl on a Motorcycle, besonders betont. Regisseur Pitof lässt keine Gelegenheit aus, Halle Berry beim hüftschwingenden Catwalk von hinten abzulichten. Er huldigt ihrer Schönheit, die durch das Outfit noch unterstrichen wird. Frauen, die zu Katzen werden – darauf hat Rüdiger Suchsland hingewiesen –, "erscheinen als märchenhafter Traum – und das nicht nur als offensichtliche Männerfantasie, sondern auch als eigenständige Vision weiblicher Selbstverwirklichung". Mit dem Lederoutfit, eigentlich ein Geschenk von Freunden "in case of dating-emergency" und darum nie getragen, wechselt Halle Berry – wie Bulle Ogier in Maitresse – ihre Identität. Aus Patience, der – nomen est omen – Geduldigen, Sanftmütigen und Schüchternen, wird eine starke Frau, die sich von ihren Fesseln befreit und nur noch den eigenen Bedürfnissen lebt. Catwomans lange, schwere Bullenpeitsche ist das Handwerkszeug der Domina. So löst sie nicht nur Begehren aus, sondern auch Angst. Wehe dem, der dieser uniformierten Kriegerin zu nahe kommt.

Nicht nur Leder hat diese kalligrafische Wirkung der Dominanz und Verführung, sondern auch Latex. Es umschließt den Körper noch enger, weckt Assoziationen an Einschnüren und Verpacken. Eng anliegendes Latex wirkt wie aufgesprühte Farbe. Folge: Der Körper wird noch verletztlicher und sensibler. Michelle Pfeiffer hat das in Batmans Rückkehr bereits 1992 vorgemacht. Ihr selbstgeschneiderter Overall mit den zahlreichen Nahtstellen verleiht ihr nicht nur unnahbare Kühle, sondern auch etwas Zerbrechliches. Er zeugt unübersehbar von den Verletzungen, die sie in der Vergangenheit erlitten haben muss.


In Irma Vep (Frkr. 1996), Olvier Assayas’ Hommage an Feuillades Stummfilm-Serial Les Vampires, rutscht Maggie Cheung in einen hautengen Latex-Catsuit, der erotisch noch aufgeladener ist als das schwarze Kostüm von Musidora. Doch Maggie Cheung ist eine Fremde in Paris, ausgeschlossen durch die Sprache, irritiert durch den eigentümlichen Regisseur mit seinen verrückten Ideen. Von der Figur, die sie spielen soll, begreift sie wenig. Und so zwingt sie der schwarze Latex-Anzug, wenn man so will, in die Rolle hinein, unterscheidet sie von den anderen Schauspielern. Und macht Maggie Cheung noch attraktiver: Die Kostümbildnerin hat es auf die schöne Chinesin abgesehen.

Fremd, sensibel und verletzlich erscheint auch Kate Beckinsale als Vampirin Selene in Len Wisemans Underworld. Den Körper in einen schwarzen Latex-Overall gezwängt, der am Hals gleich durch zwei Gürtelschnallen verschlossen oder besser: gesichert ist, darüber als doppelter Schutz noch ein schwarzer Ledermantel, der "sich ausbreitet wie die Flügel eines melancholischen Engels. Kate Beckinsale ist hier gleichzeitig ein Mix aus morbider Jeanne d’Arc, mysteriöser Stummfilm-Musidora und aktuellem Fetischmodel." (Hans Schifferle) Ihr Outfit gleicht einer Rüstung, die alles, ob Berührung oder Gefühle, abwehrt. So wird die Beckinsale zur einsamen und tragischen Figur. Und doch: In keinem anderen ihrer Filme war sie schöner und begehrenswerter.

Was das Filmemachen für ihn bedeute, wurde Francois Truffaut einmal gefragt. "Schöne Frauen schöne Dinge tun lassen", war die Antwort. Und so lässt er in Auf Liebe und Tod (Vivement Dimanche! Frkr. 1983) Fanny Ardant in einem langen Lederrock und High Heels mehrmals an einem Kellerfenster vorbeigehen. Sie weiß, dass Jean-Louis Trintignant ihr dabei heimlich zusieht. Die Situation erinnert an die des Zuschauers im Kinosaal. Stellvertretend blickt Trintignant für uns hoch, auf Ardants Beine. Und löst eine Sehnsucht aus, die sich wohl nie erfüllen wird.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Gute Materialsammlung und
sehr gute Kommentierung.

Habe das Gefühl, es gab noch mehr.
Hoffe auf weitere Folgen

Anonym hat gesagt…

Toller Text, mir fallen selbst leider auch nicht mehr Filme ein

Dunkelgräfin hat gesagt…

Danke, danke, danke für diese wunderbaren Einsichten zu einem wunderbaren Thema! Besonderen Dank für die Hinweise auf einige Kleinode der Fetisch-Cinematographie, die ich noch nicht kannte.

Ein paar Streifen, die noch gut zu dem Thema passen:

Starcrossed ("Das Girl vom anderen Stern"), ein TV-Movie von Jeffrey Bloom aus dem Jahr 1985 mit James Spader. Die Fremdheit der schönen Außerirdischen (Belinda Bauer) wird durch ihr Lederoutfit verdeutlicht: Lederhose, lange Lederjacke (mit breiten 80s-Schultern) und Lederhandschuhe, alles in dunklem bordeauxrot. Ein Leckerbissen für Fetischfans, weil sie ihre Lederhandschuhe bei fast allem anbehält, auch beim Essen im Chinarestaurant oder beim Schreiben an der Tafel. Eine hanebüchene Story, die sich als Aufhänger für ein paar herrliche Ledereinstellungen aber hervorragend eignet.

A propos James Spader: Der ist auch Hauptdarsteller in David Cronenbergs schrägem 1996-Meisterwerk "Crash", in dem die Protagonisten einen sehr ausgefallenen Fetisch haben: Sie empfinden sexuelle Erregung bei Autounfällen. Die entscheidenden erotischen Szenen werden dadurch markiert, dass die Frau dabei Lederkleidung und Lederhandschuhe trägt. Cronenberg bedient dabei noch weitere Obsessionen, etwa die sexuelle Attitüde von Krücken, Tattoos oder körperlichen Verletzungen.

Cronenbergs 2014 erschienener "Maps to the Stars" spielt wieder mit der erotischen Power langer Lederhandschuhe: Agatha (Mia Wasikowska) hatte als Teenie versucht, sich und ihren Bruder durch Brandstiftung zu töten, kehrt nach 7 Jahren wieder nach Hollywood zurück und muss wegen ihrer Brandwunden ständig armlange schwarze Lederhandschuhe tragen (Zwang, ein ganz besonderer Fetischistentraum!). Leder markiert hier Ausgrenzung, Anderssein, Nichtverstandenwerden - so wie der Fetischist in der Regel von der Umwelt ausgegrenzt wird und sich unverstanden fühlt. Genial gemacht.

Was du in deinen Betrachtungen großartig herausgearbeitet hast, ist das Thema Sehnsucht und Unerreichbarkeit. Der Fetisch ist wie Michael Endes Scheinriese Turtur vor allem aus der Entfernung wirksam. Mustergültig dargestellt wurde das in den frühen "Mit Schirm, Charme und Melone"-Folgen mit Diana Rigg. Zwischen Emma Peel und John Steed knisterte es unaufhörlich, aber es "war nie was". Die Frau in Leder ist betörend und unerreichbar zugleich, von Diana Rigg mit genial nonchalanter Unkompliziertheit dargestellt: Sie wirkt so freundlich, fast kumpelhaft, und doch ist sie für John Steed (da wird auch mit dem Altersunterschied gespielt) ebenso unerreichbar wie für den Zuschauer.

Dieses hocherotische Paar, das sich nie kriegt, aber ständig umkreist, war wohl auch das Erfolgsgeheimnis der Serie "Akte X", übrigens ebenso von unerklärlichen Phänomenen umgeben wie bei den Fällen von Peel und Steed. Agent Scully (Gillian Anderson) trug dabei häufig Lederhandschuhe, ab und zu mal eine Lederjacke. Doch welche Enttäuschung, als sich im Akte-X-Kinofilm Mulder und Scully kriegten! Plötzlich war die Magie verflogen - ähnlich wie in Spielbergs "Unheimliche Begegnung der Dritten Art" eigentlich alles in dem Moment kaputt ist, als man die Außerirdischen schließlich doch zu Gesicht kriegt.

Das Thema Fetisch enthält auf bemerkenswerte Weise den ganzen Zauber des Kinos, finde ich.