11 August 2009

Mehr Abenteurer!

Über Robert Enricos Les aventuriers (1967)

Ein Abenteurer sein heißt: das Leben zu lieben, aber nicht allzu stark an den Dingen, den Menschen, dem Leben zu hängen. Es gibt für mich kaum etwas Beeindruckenderes als die Gabe, all seine Energien in ein verrücktes Vorhaben zu stecken und bei dessen Scheitern mit den Achseln zu zucken und sich nach etwas Neuem umzusehen. So wie Burt Reynolds als Caine in Sam Fullers Shark!. So wie Manu (Alain Delon) in Robert Enricos Les aventuriers, als er nach dem misslungenen Versuch, unter dem Arc de Triomphe hindurchzufliegen, seinen Pilotenschein verliert. Wie Roland (Lino Ventura), dessen Dragster explodiert bei dem Versuch, einen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Wie Laetitia (Joanna Shimkus), deren Kunstausstellung von der Kritik verrissen wird. Das Ende ist für den Abenteurer immer der Beginn von etwas. Da Rolands Roulette-System (zwölfmal hintereinander auf dieselbe Farbe, bei Verlust Einsatz jeweils verdoppeln) durch eine alte Dame, die 14-mal mit Schwarz gewinnt, geknackt wird, begeben sich die drei auf Schatzsuche vor der Küste Afrikas.


Falls man nicht allein unterwegs ist, stellt eine Dreierbeziehung die ideale Konstellation für die Impermanenz und Leichtigkeit des Abenteurerdaseins dar. So lange Laetitia sich nicht für einen der beiden Männer entscheidet und eine Paarbeziehung mit all ihren Besitzansprüchen die Menage a trois ablöst, bleibt alles in einer schönen Schwebe, ein immerwährender Beginn von etwas, ein Versprechen, eine Sehnsucht, ein naiv-unschuldiges Spiel. Die drei bilden ein weiteres (für Wayward Cloud langsam zur Obsession werdendes) magisches Dreieck, ein instabiles Molekül, das aus einer Vielzahl gegenseitiger Anziehungskräfte zusammengehalten wird, sich aber nicht zu einer stabilen Form verfestigt. Die Beziehung der drei erinnert an Seans Erinnerungsbild am Ende von Giu la testa und an die Freundschaft von Kirk Douglas und Dewey Martin in Hawks’ The Big Sky, die durch das gemeinsame Nicht-Besitzenwollen einer von beiden geliebten Frau noch inniger wird.

Die Dreierbeziehung in Les aventuriers kommt vielleicht etwas allzu pünktlich in dem Moment zu einem blutigen Ende, als Laetitia sich für Roland entscheidet. Der Anlass für den tödlichen Schusswechsel ist ein vierter Mann (Serge Reggiani), der mit seinen von Anfang an offen zur Schau getragenen Besitzansprüchen (an Frau und Geld) das fragile Gleichgewicht stört, indem er das seiner Natur nach offene Abenteuer der drei zu einem ganz bestimmten Ende hin drängt. Mit dem Versenken von Laetitia im Meer, einer der schönsten Abschiedsszenen des Kinos, gerät zunehmend die Kehrseite des unbeschwerten Abenteurerdaseins in den Blick, nämlich die Unmöglichkeit, es in der heutigen Zeit führen zu können. Bei aller Schnelligkeit, mit dem der Film die Handlungsorte wechselt, bei allem Unwillen, seine Figuren politisch und historisch zu verorten, bei aller Feier des Beginnens und des Augenblicks, handelt Les aventuriers letztlich vom Tod und vom Ende der Utopien.

Der Film beginnt auf einem Auto-Schrottplatz, auf dem Laetitia nach Material für ihre afrikanisch anmutenden Skulpturen sucht. Wie die zerbeulten Karossen französischer Wagen, die träge von Kränen hin und hergeschwenkt werden, wirken auch die Reste des franko-belgischen Imperiums, in denen die Figuren ihr Glück zu machen versuchen. Neben dem Arc de Triomphe, 1806 von Napoleon zur Verherrlichung seiner Siege und als Paradeort seiner Armee in Auftrag gegeben, spielen eine Rolle: des Kaisers ausgestopftes Dromedar, dem Roland und Manu in einem Provinzmuseum begegnen, kahlgerupft von Touristen, die ein Mitbringsel brauchen. Ein vor der westafrikanischen Küste versunkener Schatz, hinter dem sich nichts anderes verbirgt als Raubgut der Kolonialregierung. Und das vor der Atlantikküste gelegene Fort Boyard, auch ein unter Napoleon fertig gestelltes Militärbauwerk, in dem der beeindruckende Showdown stattfindet.

Fort Boyard

Der Film erhebt nie den Zeigefinger, um auf vergangenes Unrecht zu deuten, aber der Lebensstil seiner Figuren, ihre Ungebundenheit, ihr Mangel an Ernst, die Leichtigkeit, mit dem sie Dinge aufgeben, bilden einen klaren Kontrast zu diesen Relikten imperialer Macht. Und so viel und schnell sie sich auch bewegen, so wenig sie Anteil nehmen an ihrer Umgebung, die Orte und Dinge haben doch Macht über die Figuren. Das Fort, das Roland in ein prächtiges Luxushotel verwandeln will ("Stell dir vor, man kann aus den Fenstern angeln!"), wird schließlich zum Schauplatz genau jenes Geschehens, das seine Erbauer dafür vorgesehen hatten: einer Schlacht auf Leben und Tod, geführt mit Pistolen und Handgranaten, die schon anscheinend für diesen Zweck dort verborgen lagen. Danach ist das letzte Abenteuer vorbei (The Last Adventure lautet auch der englische Titel des Films) und es bleibt nur noch die Bewegung in die Vertikale, in die die Kamera langsam entschwebt.

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Les aventuriers auf Arte:
Donnerstag, 27. August, 15.15 Uhr
Mittwoch, 2. September, 14.45 Uhr

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